Getreide wächst auf einem Feld in der Ukraine. | AFP

Besetztes Schwarzmeergebiet Getreide aus Ukraine nach Russland verfrachtet

Stand: 30.05.2022 15:51 Uhr

Russland hat aus dem besetzten Schwarzmeergebiet Cherson Getreide ins eigene Land gebracht. Währenddessen gehen die Kämpfe im Donbass weiter. In der Stadt Sjewjerodonezk gibt es ukrainischen Angaben zufolge heftige Straßengefechte.

Russland, das seit Wochen ukrainische Agrarexporte übers Meer blockiert, hat nun aus dem besetzten Schwarzmeergebiet Cherson Getreide ins eigene Land transportiert. Der Export der letztjährigen Ernte nach Russland habe begonnen, sagte der Vizechef der von Russland eingesetzten Militärverwaltung von Cherson, Kirill Stremoussow, der staatlichen Nachrichtenagentur Tass.

Laut Stremoussow geht es darum, Platz in den Speichern für die neue Ernte zu schaffen. Daher sei ein Teil der Getreidevorräte nach Russland verkauft worden. Er machte keine Angaben darüber, zu welchen Bedingungen die Bauern ihre Ernte nach Russland abgegeben haben.

Ukraine wirft Russland erneut Diebstahl vor

Kiew warf Moskau erneut vor, Getreidevorräte aus den besetzten Gebieten zu stehlen. Fast 500.000 Tonnen Getreide hätten russische Truppen illegal aus Charkiw, Cherson, Saporischschja, Luhansk und Donezk exportiert, sagte der stellvertretende ukrainische Agrarminister, Taras Vysotskyi. Speziell über den von russischen Truppen eroberten Hafen Mariupol sollen größere Mengen verschifft worden sein, hatte es zuletzt geheißen.

Die Ukraine ist einer der größten Getreideexporteure weltweit. Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs und der Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen durch russische Kriegsschiffe sind die globalen Lebensmittelpreise deutlich gestiegen. Westliche Politiker werfen Russland vor, auf eine Hungerkrise zu spekulieren und sie als Druckmittel einzusetzen, damit der Westen die Sanktionen abschwächt. Moskau weist diese Anschuldigungen zurück.

Heftige Kämpfe in Sjewjerodonezk

Währenddessen gehen die schweren Kämpfe im Osten der Ukraine weiter. Die russischen Truppen rücken nach ukrainischen Angaben weiter in der strategisch wichtigen Stadt Sjewjerodonezk im Donbass vor. Der Gouverneur von Luhansk, Serhij Gajdaj, sprach von sehr heftigen Kämpfen mit starkem Beschuss, bei dem zwei Zivilisten getötet und fünf verletzt worden seien. "Leider haben wir enttäuschende Nachrichten, der Feind rückt in die Stadt ein", sagte Gajdaj im staatlichen Fernsehen. Die Gas- und Wasserversorgung der Stadt mit normalerweise etwa 100.000 Einwohnern sei unterbrochen.

Laut Gouverneur Gajdaj dringen die russischen Truppen in Sjewjerodonezk von den Außenbezirken weiter in die Stadt vor. Die Nachbarstadt Lyssytschansk sei weiter unter ukrainischer Kontrolle, sagte er. Dort liefen Evakuierungen. Die Ukraine sei weiter in der Lage, beide Städte täglich mit humanitärer Hilfe zu versorgen. Die Hauptstraße zwischen den beiden Städten liege zwar unter Beschuss, sei aber nicht blockiert.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Bürgermeister: Kein Strom, keine Kommunikationsmittel

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtete, rund 90 Prozent der Gebäude von Sjewjerodonezk seien beschädigt, mehr als zwei Drittel der Wohnhäuser zerstört. "Sjewjerodonezk einzunehmen, ist die Hauptaufgabe der Besetzer", sagte Selenskyj in seiner nächtlichen Video-Ansprache. "Wir tun alles, was wir können, um den Vorstoß aufzuhalten."

"Wir haben keinen Strom und keine Kommunikationsmittel. Die Stadt ist komplett zerstört worden.", sagte Bürgermeister Olexandr Striuk der Nachrichtenagentur AP. 12.000 bis 13.000 Zivilisten hätten in Kellern und Bunkern in der Stadt Zuflucht vor dem russischen Beschuss gesucht. Stündlich nehme die Zahl der Opfer zu. "Aber wir können die Toten und die Verletzen angesichts der Straßenkämpfe nicht zählen." Seit Beginn des russischen Kriegs in der Ukraine seien 1500 Bewohner von Sjewjerodonezk getötet worden, sagte Striuk.

Lawrow: Einnahme des Donbass hat Priorität

In den vergangenen Tagen konnten die russischen Streitkräfte im Osten der Ukraine immer wieder Erfolge vorweisen. Für die ukrainischen Truppen wird die Lage dagegen immer schwieriger. Russlands Außenminister Sergej Lawrow nannte die Einnahme des Donbass eine "bedingungslose Priorität" für sein Land und sprach dabei von einer Befreiung. Russland erkenne die separatistischen Donbass-Regionen Donezk und Luhansk als unabhängige Staaten an, sagte Lawrow dem französischen Sender TF1. Die anderen Teile der Ukraine sollten selbst über ihre Zukunft entscheiden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. Mai 2022 um 14:00 Uhr.