Das Gefängnis in Oleniwka. | AP

In russischer Gefangenschaft 100 Tage Horror

Stand: 01.08.2022 16:49 Uhr

Sie wollten Zivilisten in Mariupol helfen und wurden von Russen gefangen genommen. 100 Tage saßen zwei Ukrainer im Gefängnis in Oleniwka, bevor sie freikamen. Sie berichten von Willkür, überfüllten Zellen und Folter.    

Von Palina Milling, WDR

Er war bereits aus Mariupol geflohen und kehrte dann trotzdem zurück: Witalij wollte mit einem Minibus Zivilisten aus der damals noch umkämpften Hafenstadt herausbringen. Er sei optimistisch gewesen, dass es gelingen würde, erzählt er. Doch eine der Straßenkreuzungen, die von bewaffneten Russen kontrolliert wurden, sei ihm zum Verhängnis geworden.

Palina Milling

Er habe abgebremst, um mit einem der Soldaten zu sprechen - einfach schweigend vorbeizufahren, habe er für zu gefährlich gehalten. In dem Moment aber sei ein Pkw gekommen, in dem ein Kämpfer aus der sogenannten Volksrepublik Donezk gesessen habe: "Er war aggressiv drauf und fragte mich etwas, was ich nicht verstanden habe. Daraufhin musste ich ihm folgen, zur Leitstelle. Dort setzten sie mich auf einen Stuhl und schlugen auf mich ein. Sie würgten mich und drückten mir das Maschinengewehr auf die Stirn."

Wie eine andere Wirklichkeit sei ihm das vorgekommen. Da ahnte Witalij noch nicht, dass er in dieser anderen Realität 100 Tage verbringen würde.

Weitertransport nach Oleniwka

Die Milizen hätten Witalij beschuldigt, dass er zum Asow-Regiment gehöre, das ukrainische Streitkräfte unterstützen oder Stellungen der russischen Armee verraten würde. Nach mehreren Zwischenstopps habe man ihn ins Gefangenenlager nach Oleniwka gebracht.

Auf dem großen Gelände, erzählt Witalij, befänden sich hinter mehreren Zaunreihen sechs Baracken und ein separates Gebäude für die Isolationshaft. Dort habe er den letzten Teil seiner Haft verbracht - phasenweise mit bis zu 45 Menschen in einer Zelle, die für sechs Häftlinge bestimmt gewesen sei.

Das Licht brannte die ganze Nacht. Pritschen oder Liegebänke gab es nicht. Wir zogen unsere Jacken aus, legten sie auf den Boden und schliefen darauf, dicht an dicht. Im Wechsel. Die einen mussten stehen, während die anderen schliefen. Nacheinander, sozusagen. So ging es etwa zwei Wochen lang.
Witalij | Witalij

Witalij wollte in Mariupol eingeschlossenen Zivilisten helfen. Bild: Witalij

In der Hand prorussischer Kämpfer

Die Schilderungen lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Auf Satellitenbildern sind jedoch die Baracken, offenbar das Gebäude der Isolationshaft und weitere Bauten zu sehen. Auch mehrere Zaunreihen sind klar erkennbar.

Oleniwka, wo sich das Lager befindet, liegt im Gebiet Donezk auf dem Territorium, das prorussische Kämpfer kontrollieren. Und es ist das Lager, das jüngst beschossen wurde.

Anfang Juli wurden von dort fast zwei Dutzend Zivilisten freigelassen. Wie durch ein Wunder, sagen einige von ihnen. Wenn sie über die Zustände vor Ort berichten, ähneln sich ihre Angaben stark.  

Kaum Wasser, schlechtes Essen

Anna erzählt, dort habe "ein besonderer Mangel an Trinkwasser" geherrscht. "Wir bekamen etwa 150 bis 200 Milliliter Trinkwasser pro Tag. Manchmal haben wir nicht mal das gekriegt. Das Essen bekamen wir im dreckigen Geschirr. Das waren zerkochte Nudeln mit ein paar winzigen Stückchen Fisch. Das war ein furchtbares, kaltes Gemisch. Eine matschige Brühe, die wir runterschlucken mussten, um am Leben zu bleiben."

Anna | Anna

Anna war mehr als drei Monate Gefangene in Olinewka. Bild: Anna

Anna sagt, sie sei mehr als drei Monate im Lager von Oleniwka gewesen. Während der Belagerung habe sie sich in Mariupol engagiert und Medikamentenvorräte betreut - und sei dann in Gefangenschaft geraten. Die überfüllten Zellen der Isolationshaft habe sie mit ihren eigenen Augen gesehen. Sie beschreibt eine der Zellen als "etwa 20 Quadratmeter groß", ausgelegt für "circa zehn Menschen" - dort hätten "gleichzeitig 55 Männer" eingesessen.

Schwere Haftumstände für Frauen

Nach verschiedenen Schätzungen werden in Oleniwka rund 2500 Menschen festgehalten. Etwa 100 von ihnen waren laut Anna Frauen. Für sie sei es besonders schwer gewesen. Denn, beschreibt sie weiter, "dort gab es gar keine Binden. Einige von uns hatten in dieser Zeit drei oder vier Mal ihre Tage bekommen - und mussten ohne Binden zurechtkommen. Das war schon für sich allein eine Folter."

Eingepfercht in kalten Zellen der Isolationshaft, ohne frische Luft, ohne Medikamente, hätten sie zuhören müssen, wie andere gefoltert worden seien, beschreibt Witalij:

Fast jeden Tag wurde jemand zusammengeschlagen. Asow-Kämpfer oder Scharfschützen. Wir haben es ständig gehört. Sie schlugen die Menschen brutal, einige auch bis zum Tode, manche überlebten das einfach nicht.

Russland weist die Vorwürfe zurück

Die russische Seite widerspricht solchen Augenzeugenberichten. Die Staatsmedien stellen die Zustände anders dar. Vorwürfe von Folter und unmenschlichen Bedingungen werden zurückgewiesen.

Doch die, die den Horror von Oleniwka schildern, können kaum fassen, dass sie entkommen sind. Auf sicherem Boden und Wochen nach der Gefangenschaft, hoffe er nun auf die ukrainische Gegenoffensive, sagt Witalij. Und auf die Befreiung seiner Stadt Mariupol.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. August 2022 um 06:10 Uhr.