Rauch steigt über Sjewjerodonezk auf. | AFP

Lage in der Ostukraine Schwere Kämpfe in Sjewjerodonezk

Stand: 29.05.2022 10:28 Uhr

Artilleriebeschuss und Häuserkämpfe: In der ostukrainischen Stadt Sjewjerodonezk gibt es offenbar noch immer Gefechte. Die ukrainischen Behörden geben sich kämpferisch und fordern erneut schwere Waffen aus dem Ausland.

Es ist eine der letzten Städte, die im Oblast Luhansk noch von ukrainischen Einheiten gehalten wird: Sjewjerodonezk am Ufer des Siwerskyj Donez. Vor dem Krieg sollen dort etwa 100.000 Menschen gelebt haben, inzwischen sind sehr wahrscheinlich viele Menschen vor den Kämpfen geflüchtet.

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs dauern die Gefechte an - die russische Armee habe die Stadt noch nicht unter Kontrolle. Dies war von russischen Einheiten gestern gemeldet worden - dann hieß es, die Stadt sei eingekesselt.

"Die kommende Woche wird sehr schwer"

Die Lage für die Bewohner soll nach Behördenangaben immer aussichtsloser werden. "Russland fährt alle Mittel auf, um Sjewjerodonezk zu erobern oder die Kommunikation in der Region und in der Ukraine zu verhindern", erklärte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Gajdaj, am Abend im Messengerdienst Telegram. "Die kommende Woche wird sehr schwer", fügte er hinzu. Die russischen Truppen seien jedoch nicht in der Lage, in naher Zukunft all ihre Pläne umzusetzen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Sjewjerodonezk ist strategisch wichtig

Der Bürgermeister von Sjewjerodonezk, Olexander Stryuk, zeigte sich via Telegram besorgt über die sanitäre Lage in der Stadt. "Ständige Bombenangriffe" würden die Versorgung vor allem mit Trinkwasser erschweren. In der Stadt gebe es seit mehr als zwei Wochen keinen Strom. Das "humanitäre Hilfszentrum" der Stadt habe seine Arbeit eingestellt, fügte er hinzu. Gleichzeitig gab er sich kämpferisch. "Wir glauben, dass die Stadt standhält." Russische Truppen seien in die Außenbezirke der Stadt eingedrungen, wo sie "schwere Verluste" erlitten hätten.

Sjewjerodonezk gilt als wichtige strategische Position. Sollte die Stadt und die umliegende Region an die russischen Truppen fallen, würden sie zusammen mit prorussischen Separatisten den gesamten Oblast Luhansk kontrollieren. Dies wäre ein wichtiger militärischer und Propaganda-Erfolg für Russland.

Ein Lastwagen mit Raketen passiert Schikanen auf der Landstraße. | dpa

Ein Lkw umfährt Hindernisse auf einer Straße nahe Lyssytschansk. Zusammen mit Sjewjerodonezk und Rubischne bilden die drei Städte einen Ballungsraum im Donbass. Bild: dpa

Unheil droht für die dortigen ukrainischen Truppen auch aus dem Süden. Dort rückten russische Einheiten in den vergangenen Tagen im Gebiet rund um die Stadt Popasna vor, so dass die Ukrainer abgeschnitten werden könnten.

Auch nach Einschätzung der US-Nichtregierungsorganisation Institute for the Study of War ist Sjewjerodonezk weder eingenommen noch eingekesselt. Für die ukrainische Armee sei der Kampf um die Stadt die größte Herausforderung seit Mariupol.

Selenskyj wirft Russland Terror vor

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte in seiner täglichen Videobotschaft die Einstufung Russlands als "Terrorstaat". Er wolle sich zu Wochenbeginn an die Teilnehmer des EU-Sondergipfels wenden und auch darüber sprechen.

"Über den Terror, der heute tatsächlich die einzige Form des Handelns des russischen Staates gegen Europa geworden ist", so Selenskyj. "Terror auf dem Gebiet der Ukraine. Terror auf dem Energiemarkt in Europa, nicht nur in unserem Land. Terror auf dem Lebensmittelmarkt, und zwar weltweit." Nur gemeinsam könnten die Europäer die Politik eines solchen Staates stoppen, betonte er.

Ukraine fordert Raketenwerfer aus dem Westen

Erneut forderte Selenskyjs Berater Mychajlo Podoljak die Lieferung moderner Mehrfachraketenwerfer mit hoher Reichweite. "Wenn der Westen wirklich den Sieg der Ukraine will, ist es vielleicht Zeit, uns MLRS zu geben?", fragte er in einem Tweet. "Es ist schwer zu kämpfen, wenn man aus einer Entfernung von 70 Kilometern angegriffen wird und nichts hat, womit man sich wehren kann", meinte Podoljak.

MLRS steht für in den USA produzierte Multiple Launch Rocket Systems - ein Mehrfachraketenwerfer-System auf einem Kettenfahrgestell. Bei der Bundeswehr wird das System als MARS (Mittleres Artillerieraketensystem) geführt.

Nach Informationen der "New York Times" hat die US-Regierung die Lieferung von MLRS bereits genehmigt. Die Entscheidung soll demnach kommende Woche öffentlich gemacht werden. Das US-Verteidigungsministerium kommentierte die Meldungen nicht.

USA lieferte bereits moderne Geschütze

Artillerie großer Reichweite - sowohl Rohrartillerie als auch Raketenwerfer - spielt eine entscheidende Rolle im Ukraine-Krieg. Im Donbass setzt Russland auf intensiven Artilleriebeschuss, bevor Truppen am Boden vorrücken.

Die USA lieferten bereits Geschütze des Kalibers 155mm. Die M-777-Haubitzen haben eine größere Reichweite als viele der russischen Artillerie und sollen es der ukrainischen Armee ermöglichen, auf russische Artillerie zu feuern.

Masala: Keine schnellen Verhandlungen

Der Politikwissenschaftler Carlo Masala rechnet nicht mit schnellen Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Krieges. Der russische Präsident Wladimir Putin werde erst dann ernsthaft zu verhandeln beginnen, wenn er befürchten müsse, durch eine Fortführung des Krieges mehr zu verlieren als zu gewinnen, sagte Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München, der Nachrichtenagentur dpa. Das aber sei derzeit nicht der Fall. "Es läuft für ihn. Von daher gibt es überhaupt keinen Anreiz, sich in diese Verhandlungen hineinzubegeben."

Die russische Armee habe ihre Strategie in der Ukraine erfolgreich geändert, so Masala. "Im Gegensatz zum bisherigen Kriegsverlauf gehen sie nicht mehr an breiten Abschnitten der Front vor, sondern ziehen ihre Truppen zusammen, um an kleinen Stücken der Front voranzukommen. Dadurch haben sie derzeit eine personelle Überlegenheit."

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/28.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/28.05.2022

Über dieses Thema berichteten am 29. Mai 2022 die tagesschau um 09:59 Uhr und tagesschau24 um 10:00 Uhr.