In Kiew (Ukraine) überwachen Polizisten an einem U-Bahn-Eingang die Einhaltung der Ausgangsbeschränkungen | AFP

Corona und Russland-Konflikt Ukraine kämpft mit der Doppelkrise

Stand: 06.04.2021 10:24 Uhr

Corona hat die Ukraine hart getroffen, die Zahlen der Infizierten und Toten sind hoch. Mitten in dieser Krise trifft das Land eine weitere Sorge: ungewöhnliche Truppenbewegungen Russlands.

Von Gesine Dormblüth, ARD-Studio Moskau, zzt. Berlin

Schon zum wiederholten Mal befindet sich die Hauptstadt der Ukraine im Lockdown. Seit Wochenbeginn sind Schulen, Kitas und Kultureinrichtungen geschlossen; mit öffentlichen Verkehrsmitteln darf nur fahren, wer eine Sondergenehmigung hat. Bei einigen Kiewern stößt das auf Zustimmung, sie freuen sich über die leeren Wagons.

Andere, wie die Obstverkäuferin Maryna, klagen darüber, dass die Corona-Maßnahmen vor allem die sozial Schwachen träfen. Durch den Lockdown habe sich der Preis für Taxifahrten mehr als verdreifacht. Es sei "menschenverachtend, aus der Situation noch Kapital zu schlagen. Bei uns im Land denkt jeder nur an sich", sagt sie.

Viele Neuinfektionen, viele Tote

Weite Teile der ukrainischen Bevölkerung nahmen die Corona-Pandemie lange nicht ernst. Am Freitag aber waren es mehr als 20.000 Neuinfektionen - so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Drei Tage in Folge wurden mehr als 400 Tote gemeldet. Umgerechnet auf die Bevölkerung sind das etwa vier Mal so viele Tote wie in Deutschland.

Die Regierung hat Kiew und zehn Regionen vor allem im Westen des Landes zu "roten Zonen" erklärt. Mit dem Impfen wurde erst Ende Februar begonnen. Der Impfstoff ist rar - um schneller voranzukommen, kaufte der Staat zuletzt chinesischen Impfstoff. Trotzdem erhielten bisher nicht mal 300.000 Menschen die erste Dosis, das ist weniger als ein Prozent der Bevölkerung.

Das leere Stadtzentrum von Kiew (Ukaine) | EPA

Ungewöhnlich leer ist das Zentrum von Kiew in diesen Tagen. Auch in der Ukraine müssen die Bürger wegen der Pandemie ihre Bewegungen und Begegnungen einschränken. Bild: EPA

Appell an die Bürger

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko warnte vor einem Kollaps des Gesundheitssystem und bat die Bewohner eindringlich, die Lockdown-Maßnahmen in der Stadt einzuhalten:

Ärzte und Krankenschwestern arbeiten zwei Tage am Stück, buchstäblich bis zum Umfallen. Ich hoffe, dass die Kiewer endlich verstehen, dass sie die Regeln nicht ignorieren dürfen, und nicht so tun, als gäbe es das Virus gar nicht. Sie müssen verstehen, dass sie sich gedulden müssen, damit wir so schnell wie möglich zu einem normalen Leben zurückkehren! Wir versuchen, Sie zu retten, verstehen Sie das bitte!

Truppenbewegungen sorgen für Unruhe

Viele Ukrainer sorgt in diesen Tagen noch etwas anderes. Russland hat nahe der Grenze zur Ukraine und auf der annektierten Halbinsel Krim Truppen zusammengezogen und verstärkt. Unabhängige Rechercheure verbreiteten in sozialen Netzwerken Bilder von Militärtransporten.

US-Präsident Joe Biden sprach in einem Telefonat mit seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskij von einer "andauernden russischen Aggression im Donezk-Becken und auf der Krim" und sicherte der Ukraine die Unterstützung der Vereinigten Staaten zu. Auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell äußerte sich besorgt.

Peskow wiegelt ab

Dmitri Peskow, der Sprecher des russischen Präsidenten, reagierte am Montag und erklärte, die russische Armee bewege sich auf russischem Territorium "in der Art und in Richtungen, die sie für nötig hält, um die Sicherheit des Landes zu gewährleisten. Dies sollte bei niemandem Besorgnis auslösen".

Auch das löst in der Bevölkerung unterschiedliche Reaktionen aus. Ihor, der 2014 den Beginn des Krieges im Osten des Landes miterlebte, hält die Vorgänge eher für "ein Muskelspiel": "Die Russen wollen der ganzen Welt und dem neuen US-Präsidenten zeigen, dass sie stark und vollwertige Akteure sind. Und sie wollen Einfluss auf unsere Regierung nehmen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. April 2021 um 08:10 Uhr.