Jubelnde Menschen in Cherson | dpa

Cherson nach der Rückeroberung "Haben das Recht, Champagner zu trinken"

Stand: 13.11.2022 03:43 Uhr

Cherson ist wieder unter ukrainischer Kontrolle. Monatelang haben Tausende hier unter russischer Besatzung ausgeharrt. In der Ukraine ist die Freude groß, vor allem in Cherson selbst.

Von Rebecca Barth, WDR, zzt. Kiew

Viel dringt noch nicht nach außen. Und wenn, dann sind es Videos wie dieses: Menschen tragen eine meterlange blau-gelbe Fahne durch die Straßen, jubeln am Straßenrand, schwenken ukrainische Flaggen, Autos fahren hupend vorbei. Das Video aus einem ukrainischen Telegram-Kanal soll die Innenstadt von Cherson zeigen. In der südukrainischen Stadt bejubeln die Menschen die Rückeroberung durch die ukrainische Armee.

"Der Tag der Befreiung von Cherson ist der 11. November 2022 - ein symbolisches Datum. Wahrscheinlich haben wir jetzt einen neuen Feiertag im Kalender.“ Diese Sprachnachricht nimmt Inna auf. Sie steht am Ufer des Flusses Dnipro, berichtet sie. Denn nur hier gäbe es manchmal Internet. Strom, Wasser, Heizung, Kommunikationsmöglichkeiten - all das fehlt noch in Cherson.

LIeber frieren als russische Besatzung

Es ist kalt in den Wohnungen,  das berichten auch andere Einwohner. Aber Inna ist das egal: "Lieber solche Bedingungen als mit Russland. Lieber ohne Wärme als mit Russland. Die Einwohner der Stadt sind bereit, das zu ertragen.

Denn die Bevölkerung musste viel Schlimmeres ertragen in den vergangenen Monaten. Anfang März besetzten russische Truppen die Stadt. Am Anfang wehrten sich die Bewohner noch. Doch die Proteste wurden zerschlagen, eine russische Besatzungsbehörde eingeführt - genauso wie russische Pässe, russisches Geld, russische Telefonnummern, ein russischer Lehrplan in den Schulen.

Einwohner berichten von Folter

Wer nicht kooperieren wollte, machte sich verdächtig. Menschen würden in Cherson verschwinden - das berichtet schon vor einigen Monaten eine Geflüchtete aus der Stadt der ARD: "Ein weiterer Bekannter, ein Busfahrer, ist verhaftet und gefoltert worden. Drei Tage lang wurde er in einer ehemaligen Ausnüchterungseinrichtung am Stadtrand festgehalten“, sagt sie. Dort sollen schon lange über 400 Menschen einsitzen. "Als er freigelassen wurde haben ihn die anderen gebeten, ihren Verwandten zu sagen, dass sie noch leben.“

Es gebe ein paar Orte in der Stadt, an denen sie die Leute festhalten, sagt die Frau. "Das sind ganz normale Zivilisten. Er hat dort viele Frauen und Jugendliche gesehen und viele waren schon seit über zwei Monaten dort.“

Widerstand wurde nicht gebrochen

Trotz der Unterdrückung gelang es den russischen Truppen offenbar nie, Cherson vollständig zu kontrollieren. Immer wieder kam es zu Explosionen in der Stadt. Eine ukrainische Partisanenbewegung sei aktiv gewesen, berichteten Bewohner, verübten gar Anschläge auf Besatzungstruppen und Kollaborateure.

Doch die Einwohner leisteten auch gewaltlosen Widerstand. Iwan ist Koordinator der Bewegung "Gelbes Band“. Auch er schickt eine Sprachnachricht aus Cherson. "Wir haben versucht, viele Leute zu finden, die noch patriotisch und ukrainisch sind unter der Besatzung. Wir wollten die Idee verbreiten, einfach gelbe Bändchen an Bäume auf der Straße zu hängen“, berichtet er. "Und die Bewegung breitet sich aus. Sie begann in Cherson, aber jetzt ist sie auch in Donezk und Luhansk, in den besetzten Gebieten und natürlich auch auf der Krim. Auf der Krim ist sie stärker als je zuvor.“

Iwan berichtet von der ausgelassenen Stimmung in der Stadt nach der Rückeroberung durch die ukrainische Armee. "Russland ist hier für immer“ - Plakate mit diesem Slogan hatten die Besatzer in der Stadt aufgehängt. Jetzt werden sie heruntergerissen und durch die blau-gelben ukrainischen Fahnen ersetzt, berichtet Inna. "Viele Menschen tragen ukrainische Symbole. Darauf haben wir sehr lange gewartet. Heute haben wir das Recht, Champagner zu trinken.“

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. November 2022 um 08:05 Uhr.