Zwei ukrainische Soldaten patrouillieren in einer Stadt im Gebiet Cherson in der Nähe der Frontlinie | dpa

Cherson nach der Rückeroberung "Wir neutralisieren die Gefahren"

Stand: 12.11.2022 18:12 Uhr

Kein Strom, knappe Lebensmittel und Gefahr durch Minen: Die Ukraine hat die strategisch wichtige Stadt Cherson zwar zurückerobert, doch dort ist die Lage prekär. Die Regierung will die Engpässe schnell beheben.

Von Stephan Laack, WDR

Unmittelbar nach dem Abzug russischer Truppen aus Cherson haben ukrainisches Radio und Fernsehen dort wieder ihren Sendebetrieb aufgenommen. Wie der staatliche Dienst für Kommunikation und Informationsschutz der Ukraine berichtet, sendet ein ukrainischer Nachrichtenkanal bereits wieder. Auch ein ukrainischer Radiosender sei wieder zu empfangen, damit die Bewohner der befreiten Gebiete wieder zuverlässige Informationen über den Verlauf der Militäroperationen erhielten, heißt es von ukrainischer Seite.

Stephan Laack ARD-Studio Moskau

Nach der Annexion durch Russland waren dort nur noch russische Sender zu empfangen. In seiner nächtlichen Videoansprache hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Freitag von einem historischen Tag gesprochen und angekündigt, als erstes würden jetzt gefährliche Hinterlassenschaften der russischen Besatzungstruppen wie zum Beispiel Landminen beseitigt.

Ukrainische Truppen warten in Außenbezirken

"Kurz nachdem unsere Verteidigungskräfte die festgelegten Grenzen erreicht haben, werden in Cherson, wie es auch überall sonst der Fall war, Stabilisierungsmaßnahmen beginnen", kündigte der Staatschef an. "Wir neutralisieren die Gefahren konsequent. Das erste sind Minen. Die Besatzer hinterließen viele Minen und Sprengstoffe, insbesondere an lebenswichtigen Objekten. Wir werden diese davon reinigen müssen."

Selenskyj berichtete, dass zunächst Spezialeinheiten in Cherson eingerückt seien. Der Großteil der ukrainischen Truppen warte noch in den Außenbezirken. Mittlerweile sei mit den erwähnten Stabilisierungsmaßnahmen begonnen worden, teilte der ukrainische Generalstab mit.

"Kritischer Wassermangel"

Ein Berater des ukrainischen Bürgermeisters von Cherson berichtete im ukrainischen Fernsehen von massiven Versorgungsengpässen. "Jetzt hat die Stadt einen kritischen Wassermangel, weil es praktisch keine Wasserversorgung gibt. Es gibt nicht genug Medikamente, es gibt nicht genug Brot, weil nichts gebacken wird."

Es gebe keinen Strom und dementsprechend gebe es Probleme mit Lebensmitteln. "Ich denke, dass dieses Problem in naher Zukunft gelöst wird. Wir bereiten eine humanitäre Fracht in der Nähe von Cherson vor, um den Bewohnern bei der Lösung dieser Probleme so schnell wie möglich zu helfen", sagte der Berater.

Kiew unterbreitet Gesprächsangebot

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba geht davon aus, dass der Krieg trotz der Rückeroberung von Teilen des Gebietes Cherson weitergehen wird. Beim Gipfel der Gemeinschaft südostasiatischer Staaten ASEAN, zu dem erstmalig auch die Ukraine eingeladen ist, zeigte Kuleba sich offen für ein Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow - falls dieser danach fragen sollte. Dies sei aber nicht passiert.

Mit Blick auf mögliche Verhandlungen sei er pessimistisch. Kuleba sagte, Russland habe in der Vergangenheit immer nur eine Liste von Ultimaten gestellt. Ganz nach dem Motto: Nimm es oder lass es. Für Kuleba gibt es dagegen eine wesentliche Bedingung für die Aufnahme von Gesprächen. "Sie müssen aus der Ukraine raus, sie müssen Verhandlungen in gutem Glauben angehen - so einfach ist das."

Russland hält weite Teile der Region

Nach dem Rückzug aus Teilen des Gebiets Cherson haben die russischen Besatzer ihr regionales Verwaltungszentrum in die Stadt Henitschesk verlegt. Die liegt ganz im Südosten der Region Cherson - nicht weit von der Krim entfernt. Ein großer Teil der russischen Administration sei bereits dorthin umgesiedelt worden. 70 Prozent der Region Cherson sind noch unter russischer Kontrolle.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 12. November 2022 um 18:08 Uhr.