Die Luftaufnahme zeigt eine New Safe Confinement (NSC)-Struktur über dem alten Sarkophag, der den beschädigten vierten Reaktor im Kernkraftwerk Tschernobyl abdeckt. (Archivbild: 03.04.2021) | REUTERS

Angriff auf Ukraine AKW Tschernobyl unter russischer Kontrolle

Stand: 24.02.2022 21:18 Uhr

Das russische Militär hat nach ukrainischen Angaben die Kontrolle über Gebiete im Süden des Landes und über das ehemalige AKW in Tschernobyl übernommen. Russische Fallschirmjäger sollen nahe der Hauptstadt Kiew gelandet sein.

Nach dem Einmarsch russischer Truppen haben die ukrainischen Behörden nach eigenen Angaben die Kontrolle über Teile im Süden des Landes verloren. Das teilte die Regionalverwaltung des Gebiets Cherson mit. Demnach wurden dort 13 Zivilisten und neun ukrainische Soldaten getötet. Unter den zivilen Opfern seien zwei Kinder. Auch das Gebiet Henitschesk stehe nicht mehr unter ukrainischer Kontrolle. Unabhängig überprüfen ließen sich diese Angaben nicht.

Zudem übernahmen russische Truppen das 70 Kilometer von Kiew entfernte Gebiet um den zerstörten Atomreaktor von Tschernobyl. Sie kontrollierten die sogenannte Sperrzone und alle Anlagen der Atomruine, sagte der ukrainische Ministerpräsident. Es sei unklar, in welchem Zustand die Anlage sei. Der Unglücksreaktor könne daher nicht mehr als sicher angesehen werden, es handele sich um "eine der ernstesten Bedrohungen für Europa".

Dutzende Tote

Insgesamt hat Russland nach ukrainischen Angaben mehr als 30 Attacken mit Flugzeugen, Artillerie und Marschflugkörpern "auf ukrainische zivile und militärische Infrastruktur" ausgeübt. Dabei sollen mindestens 57 Menschen getötet und etwa 170 verletzt worden sein. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet, Russland habe die "vollständige Lufthoheit" über die Ukraine erlangt. Die Ukraine verfüge nun über keinerlei Luftabwehrkapazitäten mehr, zitiert AFP einen Geheimdienstvertreter in Brüssel. Nun nehme die russische Armee die Hauptstadt Kiew ins Visier und werde dort "eine überwältigende Macht zusammenziehen".

Zuvor hatte bereits NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg von russischen Angriffen aus verschiedenen Richtungen mit Luft- und Raketenangriffen, Bodentruppen und Spezialkräften gesprochen. Offenbar greift Russland in einer Art "Zangenformation" an, mit Attacken von der südlichen Krim, von russischem Gebiet im Osten und von belarusischem Staatsgebiet ausgehend, wo Zehntausende russische Truppen stationiert sind.

Luftalarm in Kiew

Heftige Kämpfe gab es auch in der Region um die Hauptstadt Kiew. Russische Hubschrauber und Flugzeuge setzen nach ukrainischen Angaben Fallschirmjäger am Militärflughafen Hostomel ab. An der Operation seien 20 Maschinen beteiligt. Der Flughafen befindet sich rund 25 Kilometer von der Stadt entfernt. Es könnte sein, dass russische Fallschirmspringer über Kiew abspringen und versuchen, in das Regierungsviertel einzudringen, erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Die Verwaltung der Hauptstadt löste wegen des Angriffs Luftalarm aus und verhängte eine nächtliche Ausgangssperre. Alle Bürger wurden aufgerufen, sich möglichst in Bunkern in Sicherheit zu bringen. Vier Metro-Stationen seien als Luftschutzbunker ausgewiesen worden. Die U-Bahn solle weiter in Betrieb bleiben, sagte Bürgermeister Vitali Klitschko. Kiew hat etwa 2,8 Millionen Einwohner.

Im Gebiet Tschernihiw, das im Nordwesten an Belarus grenzt, sei der Feind gestoppt worden, erklärte der Generalstab. "Heftige Kämpfe gehen in Richtung Charkiw weiter." Die Großstadt Charkiw liegt im Osten unweit der russischen Grenze. Mariupol am Asowschen Meer sei "unter volle Kontrolle zurückgebracht worden". Mit Blick auf den Süden des Landes teilte das Militär mit: "In Cherson ist die Situation schwierig." Die russische Armee starte auch Offensiven von der 2014 annektierten ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim in Richtung Cherson und Melitopol.

Moskau: Dutzende Militärstellungen zerstört

Russland hat nach eigener Darstellung Dutzende Stellungen des ukrainischen Militärs angegriffen. Es seien 74 Objekte der Bodeninfrastruktur außer Gefecht gesetzt worden, sagte der Sprecher des Moskauer Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, der Agentur Interfax zufolge. Darunter seien elf Flugplätze, drei Kommandoposten und ein Marinestützpunkt gewesen. Zudem seien 18 Radarstationen der Boden-Luft-Raketenabwehrsysteme S-300 und Buk-M1 zerstört worden.

Nach Moskauer Angaben wurden auch mindestens ein Kampfhubschrauber und mehrere Kampfdrohnen abgeschossen. Die Ukraine berichtet ebenfalls, mehrere russische Helikopter und Flugzeuge abgeschossen zu haben.

Die Karte zeigt die Ukraine mit dem Separatistengebiet in Luhansk und Donezk sowie Teile Russlands und Belarus'.

An vielen Orten in der Ukraine wird aktuell gekämpft, auch im ehemaligen AKW Tschernobyl. Schraffiert zu sehen sind die Separatistengebiete im Osten des Landes.

Angriff im Morgengrauen - auf Putins Befehl

Laut der Nachrichtenagentur dpa melden die pro-russischen Separatisten die Einnahme von zwei Kleinstädten. Es handele sich dabei um Stanyzja Luhanska und um Schtschastja. Dabei seien auch Kämpfer aus ihren Reihen getötet worden. Es gebe Tote und Verletzte unter den Streitkräften, aber auch unter der Zivilbevölkerung, sagte der Chef der selbst ernannten Volksrepublik Donezk, Denis Puschilin, dem russischen Staatsfernsehen.

Die russische Armee hatte am frühen Morgen damit begonnen, die Ukraine militärisch anzugreifen. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte die Militäraktion autorisiert. Der Kremlchef warnte andere Staaten davor, sich Russland in den Weg zu stellen. Das würde Konsequenzen nach sich ziehen, wie sie sie noch nicht erlebt hätten.

Selenskyj fordert mehr Unterstützung

Der ukrainische Präsident Selenskyj rief den Kriegszustand aus. Er appellierte an die Bürger des Landes, nicht in Panik zu verfallen. "Wir sind auf alles vorbereitet, wir werden siegen", sagte er in einer auf Facebook veröffentlichten Videobotschaft. Er forderte sofortige Sanktionen gegen Moskau. Er brauche zudem Verteidigungshilfe sowie finanzielle Unterstützung, schrieb er nach Telefonaten unter anderem mit Bundeskanzler Olaf Scholz auf Twitter. Der Außenminister Dmitro Kuleba forderte, Russland vom internationalen Zahlungssystem SWIFT auszuschließen.

NATO verstärkt Truppen im Osten

Die NATO will angesichts des russischen Angriffs ihre Luft-, Land-, und Seestreitkräfte im Osten verstärken. Alle Maßnahmen seien und blieben aber "präventiv, verhältnismäßig und nicht eskalierend", hieß es in einer am Mittag verabschiedeten Erklärung der 30 Bündnisstaaten. Generalsekretär Stoltenberg sagte, die NATO werde die Ukraine nicht mit eigenen Truppen unterstützen. Das Bündnis war kurzfristig zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengekommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Februar 2022 um 12:00 Uhr.