Alexander Lukaschenko inspiziert Waffensysteme bei einem Besuch auf einem Truppenübungsplatz. Das Bild wurde vom offiziellen Pressedienst Lukaschenkos verbreitet. | dpa

Ukrainischer Appell an Belarusen Nicht am "schmutzigen Krieg" beteiligen

Stand: 21.10.2022 21:00 Uhr

Tausende russische Soldaten sind mittlerweile in Belarus stationiert. Die Ukraine fürchtet, dass sie angreifen könnten - diesmal zusammen mit belarusischen Truppen. Doch Experten halten das für unwahrscheinlich.

Die ukrainische Armee hat die belarusischen Bürger dazu aufgerufen, sich nicht an einem "schmutzigen Krieg" gegen die Ukraine zu beteiligen. "Wir fordern alle Bürger von Belarus auf, die Befehle ihrer Führung, in den Krieg gegen die Ukraine einzutreten, nicht zu befolgen", hieß es in einem direkten Appell der ukrainischen Militärführung.

"Imperien zerfallen, es bleiben Völker, normale Menschen, die Freunde oder Feinde sein können." Dies entscheide jeder selbst.

9000 russische Soldaten sollen nach belarusischen Angaben mittlerweile im Land stationiert sein, das an die Ukraine grenzt.

Ukraine sieht "wachsende" Gefahr

Bereits beim russischen Überfall auf die Ukraine im Februar waren russische Truppen von Belarus aus in den Norden der Ukraine einmarschiert. Deren Hauptstadt Kiew liegt nicht weit von der Grenze.

Ukrainische Stellen sprachen zuletzt von einer "wachsenden" Gefahr eines Einmarsches russischer und womöglich auch belarusischer Soldaten. Deren Ziel, so die Befürchtungen, könnte diesmal weniger Kiew, sondern vielmehr der Nordwesten der Ukraine sein, um deren Nachschubwege aus Polen und anderen westlichen Nachbarländern abzuschneiden.

Dunkelgrün: Vormarsch der russischen Armee. Schraffiert: von Russland annektierte Gebiete.  | ISW/20.10.2022

Dunkelgrün: Vormarsch der russischen Armee. Schraffiert: Von Russland annektierte Gebiete. Bild: ISW/20.10.2022

Analysten sind skeptisch

Experten halten eine solche Operation in den kommenden Monaten allerdings für unwahrscheinlich. Das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) schätzt, dass die russischen Truppen dazu nicht in der Lage seien. Die am nächsten zur ukrainisch-belarusischen gelegene Bahnlinie liege 30 Kilometer im Landesinneren, und die Prypjatsümpfe entlang der Grenze machten Manöver besonders schwierig. Die Sümpfe sind das größte Feuchtgebiet Europas und wären für schweres Gerät wie Panzer schwieriges Terrain.

Zudem habe die Ukraine genügend Bahnverbindungen mit Polen, Rumänien, der Slowakei und Ungarn. Ein russischer Einmarsch aus Belarus könnte laut ISW die ukrainische Logistik nur dann schwerer beeinträchtigen, wenn die Truppen tiefer ins Land vorstießen als während der ersten Offensive im Februar. Damals sei die russische Armee aber noch deutlich stärker gewesen.

Das britische Verteidigungsministerium erklärte, man gehe von einem Ablenkungsmanöver Putins aus. Es sei wahrscheinlich ein Versuch, "die Ukraine dazu zu bringen, Truppen zum Schutz ihrer nördlichen Grenze abzuziehen" - Truppen, die bei der Gegenoffensive im Süden und Osten gebraucht werden.

Experte: Lukaschenko will nicht zu Verlierern gehören

Der belarusische Politikwissenschaftler Artjom Schraibman, der im Exil lebt, schrieb auf Telegram, dass es in Belarus keine soziale Basis gebe, auf die sich der belarusische Diktator Alexander Lukaschenko bei einem Kriegseinsatz stützen könne. Es gebe einen breiten Konsens in der Gesellschaft gegen den Einsatz belarusischer Soldaten.

Schraibman sieht das "Risiko einer Destabilisierung des belarussischen Regimes", sollte sich Lukaschenko auf einen wie auch immer gearteten Druck Putins einlassen, mit eigenen Soldaten in der Ukraine zu kämpfen.

Auch der Experte Waleri Karbalewitsch erwartet nicht, dass sich Lukaschenko noch tiefer in den Krieg hineinziehen lasse. Dieser sehe, "dass der Krieg in der Ukraine für Russland sehr erfolglos läuft" - und wolle am Ende nicht mit auf der Verliererseite stehen. Er geht davon aus, dass die eingezogenen russischen Soldaten in Belarus ausgebildet werden sollen, weil Russlands eigene Truppenübungsplätze mit der Masse der Eingezogenen überlastet seien.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Oktober 2022 um 14:00 Uhr.