Übung ukrainischer Grenzeinheiten in Wolhynien. | Andrea Beer
Reportage

Ukraine, Belarus und Polen Pischtscha probt den Ernstfall

Stand: 05.12.2021 05:10 Uhr

Die Grenzkrise in Belarus beunruhigt auch Polens Nachbarstaat Ukraine. Im Dreiländereck versucht das ukrainische Militär, sich auf gleich mehrere Szenarien einzustellen.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zurzeit Pischtscha

Helme, Schilder, Schlagstöcke - Reservisten ukrainischer Grenzeinheiten zeigen an der Grenze zu Belarus nahe dem Dorf Pischtscha, wie sie auf eine größere Menge von Flüchtenden und Migranten reagieren würden, umrahmt von zwei dunkelgrünen Fahrzeugen mit Lautsprechern: "Achtung, Sie verletzen die ukrainische Staatsgrenze", wird gewarnt, unter anderem auf Ukrainisch und Englisch.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

Belarus und die Ukraine haben eine rund 1000 Kilometer lange gemeinsame Grenze. Der Streit um Flüchtende und Migranten im belarusischen Grenzgebiet zu Polen bereitet auch Kiew Sorgen: Was, wenn Belarus autoritärer Herrscher Alexander Lukaschenko die Menschen an die ukrainische Grenze bringen würde? Was, wenn Moskau den Weg über Belarus wählen würde, um die Ukraine im Westen anzugreifen?

Offizielle Zahlen gibt es nicht, doch den 215 Kilometer langen Grenzabschnitt der Region Wolhynien kontrollieren nun mehr Grenzeinheiten und Nationalgardisten als zuvor. Nach Ende der Übung rauchen die Soldaten, Olexandr Maslowskyj vom ukrainischen Grenzschutzdienst kommentiert die Lage: Zurzeit sei alles unter Kontrolle und Migranten gebe es nicht, sagt der Offizier. Ihre Aufgabe sei, die ukrainischen Grenzeinheiten zum Schutz der Staatsgrenze zu verstärken. Sollten sie erfahren, dass sich illegale Migranten in Grenznähe sammeln, müssten sie sich in ihre Richtung bewegen und einen illegalen Grenzübergang verhindern.

 Lager der ukrainischen Armee im Dorf Pischtscha (Ukraine) an der belarusischen Grenze. | Andrea Beer/ARD Moskau

Angst vor einem "belarusischen Szenario": Die Ukraine hat ihre Einheiten an der Grenze verstärkt. Bild: Andrea Beer/ARD Moskau

Nur noch ein Übergang ist geöffnet

Marharita Werschynina, Pressechefin der Grenzabteilung der Region Wolhynien, drängt zum Aufbruch: "Wir müssen dann auch". Es geht weiter, direkt zum von Grenzeinheiten kontrollierten Dreiländereck. Hier trennt der Fluss Bug die Ukraine, Polen und Belarus und wer sich im Kreis dreht, kann in alle drei Länder blicken.

Auf polnischer Seite metallener Stacheldraht; auf belarusischer wäre der Weg eigentlich frei. Kontrollen kämen erst nach einigen Hundert Metern, sagt Werschynina. Man tausche sich übrigens nach wie vor mit allen aus. In Wolhynien sei zurzeit nur ein Grenzübergang in Richtung Belarus offen, die anderen Übergangspunkte seien "vorübergehend nicht in Betrieb". Das hängt aber auch mit Corona zusammen.

Ein paar junge ukrainische Offiziersanwärter führen eine Aufklärungsdrohne vor. In einem grünen Aufklärungswagen beobachten Soldaten über Bildschirme die Umgebung. Sie haben eine Maus entdeckt - sonst scheinen sie sich zu langweilen. Damit ist die Journalistentour zu Ende.

Ukrainischer Offiziersanwärter lässt Drohne für die Presse fliegen. | Andrea Beer

Vorerst entdecken die ukrainischen Drohnen nur harmlose Kleintiere. Aber die Demonstration soll zeigen, dass die Einheiten gewappnet sind. Bild: Andrea Beer

Die Beobachtungen der Dorfbewohner

Einige Kilometer weiter im Dorf Salissja steht ein Rentner im wild gemusterten Anzug am Zaun, der sich Gedanken macht: Die winzige Rente, die Kinder im Ausland, das sterbende Dorf. Nachbarin Walentyna gesellt sich dazu. Natürlich machten sich die Menschen Sorgen, stellt sie fest und zählt auf: "An einem Tag sind hier 13 Fahrzeuge, ein Panzer, eine Feldküche und Grenzsoldaten vorbeigefahren. Am nächsten Tag nochmal fünf Fahrzeuge und so ging jede Woche. Aber dann hat sich die Lage beruhigt und sie haben sich zurückgezogen."

Am wichtigsten ist doch Gesundheit, sind sich alle einig. "Und Frieden. Und dass die Corona-Pandemie vorbei geht und dass alles wieder wird wie früher."

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Dezember 2021 um 05:00 Uhr.