Evakuierungsaktion in Mariupol | REUTERS

Belagertes Stahlwerk in Mariupol 264 Soldaten ergeben sich

Stand: 17.05.2022 07:53 Uhr

Mehr als 260 ukrainische Verteidiger des Asow-Stahlwerks sind in russische Gefangenschaft gegangen, darunter 53 Schwerverletzte. Ihr Kampf in Mariupol habe der Ukraine wichtige Zeit verschafft, erklärt die Militärführung. Jetzt gelte es, ihre Leben zu retten.

Nach wochenlanger Belagerung haben etwa 260 ukrainische Soldaten das Asow-Stahlwerk in Mariupol verlassen. Darunter seien 53 Schwerverletzte, teilte der ukrainische Generalstab mit. Die anderen 211 ukrainischen Kämpfer seien in eine von russischen Truppen besetzte Ortschaft gebracht worden. Sie sollten später in einem Gefangenenaustausch mit russischen Soldaten freikommen, hieß es. An der Evakuierung der weiteren Verteidiger des Stahlwerks Azowstal werde noch gearbeitet.

"Dank den Verteidigern von Mariupol haben wir kritisch wichtige Zeit für die Formierung von Reserven, eine Kräfteumgruppierung und den Erhalt von Hilfe von unseren Partnern erhalten", erklärte die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar. Alle Aufgaben zur Verteidigung von Mariupol seien erfüllt worden. Ein Freikämpfen von Azowstal sei nicht möglich gewesen. Das Wichtigste sei jetzt, die Verteidiger von Mariupol zu schützen. Der Generalstab der ukrainischen Armee erklärte, die Kommandeure hätten den Befehl, das Leben der verbliebenen Soldaten zu retten.

Verletzte in Separatistengebiete gebracht

Die Schwerverletzten seien zur medizinischen Behandlung in die von prorussischen Separatisten kontrollierte Stadt Nowoasowsk gebracht worden, hieß es. Die anderen Soldaten kämen in den Ort Oleniwka. Das russische Verteidigungsministerium hatte zuvor von einer Feuerpause für die Evakuierung gesprochen.

Mehrere Hundert Soldaten sollen sich noch im Stahlwerk befinden. Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte in seiner täglichen Videoansprache, die Ukraine brauche ihre Helden lebend. An der Evakuierung der Soldaten aus dem Stahlwerk seien neben ukrainischen Behörden unter anderem auch das Internationale Rote Kreuz und die Vereinten Nationen beteiligt gewesen.

Stahlwerk letzter Rückzugsort in Mariupol

Die Hafenstadt Mariupol war bereits kurz nach dem russischen Einmarsch im Februar eingekesselt worden. Russland griff die strategisch wichtige Großstadt immer wieder mit Bomben und Raketen an. Ukrainische Behörden gehen von Tausenden Toten in der Zivilbevölkerung aus.

Die russischen Truppen übernahmen nach der Belagerung schrittweise die Kontrolle. Die letzten ukrainischen Verteidiger der Stadt verschanzten sich jedoch in dem riesigen Stahlwerk mit mehreren unterirdischen Etagen. Die russischen Truppen riskierten keinen Erstürmungsversuch, riegelten aber alle Zugänge ab. "Blockiert diese Industriezone so, dass nicht einmal eine Fliege rauskommt", wies Kremlchef Wladimir Putin sein Militär vor laufender Kamera an.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Zivilisten offenbar alle gerettet

Das Gelände wird immer wieder bombardiert. Hunderte Zivilisten, die vor vorrückenden russischen Truppen ebenfalls ins Stahlwerk flüchteten, waren bereits in den vergangenen Tagen vom Werksgelände evakuiert worden. Über den Abzug der zum Teil schwer verletzten Soldaten, die kaum noch Vorräte und Wasser hatten, wurde lange verhandelt.

In der Ukraine gab es auch Vorwürfe an die Regierung in Kiew, sie habe die letzten Verteidiger Mariupols im Stich gelassen. Die Behörden betonten immer wieder, man sei nicht in der Lage, die Blockade durch russische Truppen zu lösen.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/16.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/16.05.2022

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. Mai 2022 um 09:00 Uhr.