Ein Soldat der ukrainischen Grenzwache im Asowschen Meer vor Mariupol. | AFP

Ukraine-Konflikt Mariupol prüft seine Bunker

Stand: 23.05.2021 08:07 Uhr

Im Asowschen Meer kommen sich ukrainisches und russisches Militär bedrohlich nahe. Die Front in der Ostukraine, an der täglich geschossen wird, ist nicht weit - und ein Konfliktende scheint unerreichbar.

Von Jo Angerer, ARD-Studio Moskau

Offiziell sind die russischen Militärmanöver im Asowschen Meer seit April beendet - doch nach wie vor belauern sich hier russische und ukrainische Kriegsschiffe. Auf dem Radarschirm des Patrouillenboot der ukrainischen Marine, mit dem das ARD-Team unterwegs ist, taucht schon bald nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Mariupol ein Punkt auf - möglicherweise in Kriegsschiff. "Wir sehen ein Schiff ohne automatisches Identifizierungssystem. Wir denken, es ist ein russisches Schiff", sagt Kapitän Roman Hontscharenko. Anspannung im Kommando-Stand.

Jo Angerer ARD-Studio Moskau

Mit zwei Maschinen-Kanonen ist das Patrouillenboot schwer bewaffnet, das russische Schiff vermutlich ebenso. Immer wieder kommt es bei derartigen Begegnungen zu gefährlichen Situationen.

Beim Heranfahren zeigt sich: Der Punkt auf dem Radarschirm ist ein russisches Patrouillenboot. Auch Wochen nach dem Ende der Manöver kreuzen hier nach wie vor russische Kriegsschiffe: "Während des vergangenen Monats wurde die Situation gefährlicher", sagt Hontscharenko. "Fünfzehn Schiffe verlegten die Russen aus dem Kaspischen Meer hierher, ins Asowsche Meer. Landungsschiffe und Kanonenboote."

Die Kapitänskajüte eines ukrainischen Patrouillenbootes. | Jo Angerer

Die Kapitänskajüte eines ukrainischen Patrouillenbootes. Bild: Jo Angerer

"Sicher sein, dass die Bunker bereit sind"

Im Alltag ist in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol nur wenig zu spüren vom Krieg: Straßenmusiker spielen, die Menschen wirken entspannt. Und dennoch sind viele in der Stadt in Sorge. "Vor einem Monat warfen wir die Frage nach der Verteidigung und den Bunkern auf", sagt Ljudmyla Odnoroh von der Initiative "Civil Move of Mariupol". "Wir müssen sicher sein, dass die Bunker in der Stadt bereit sind - ob es eine Eskalation gibt oder nicht."

Mariupol liegt im Verwaltungsbezirk Donezk - dort, wo die Frontlinie zwischen Stellungen der ukrainischen Armee und pro-russischen Separatisten verläuft, die den Anschluss der Regionen Donezk und Luhansk an Russland wollen und sich selbst zu Volksrepubliken ernannt haben.

"Während der vergangenen Nacht kam der Feind nahe heran, bis auf 400 Meter", sagt Kommandantin Lesya, deren Nachnamen aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden soll. "Sie schossen auf uns. Und wir antworteten." Lesya half im Krieg 2014 als Freiwillige und trat später in die Armee ein, so wie viele junge Menschen in der Ukraine.

Seit sieben Jahren in Schützengräben

In der benachbarten Beobachtungs-Stellung überwachen die ukrainischen Soldaten jede Bewegung des Gegners. Tagtäglich werden sie von den Separatisten beschossen. Durch den Truppenaufmarsch in Russland sei die Lage ernster geworden, sagen die Soldaten. Nach wie vor seien Tausende Soldaten im Grenzgebiet, mehr als vor den Manövern.

In Bunkern tief unter der Erde ruhen sich die Soldaten einige Stunden von den Kämpfen aus. Dann geht es in die nächste Nacht, in das nächste Feuergefecht. Selten wird jemand verletzt, aber jede Seite zeigt, dass sie zu allem bereit ist.

Ukrainische Soldaten in einem Schützengraben. | Jo Angerer

In einem unterirdischen Bunker ruhen sich die Soldaten an der Front aus. Bild: Jo Angerer

Ramzes kämpft seit sieben Jahren in diesem Krieg. Seit sieben Jahren lebt er in Schützengräben. "Im Moment ist es komplizierter geworden. Und gefährlich", sagt er. "Auf der anderen Seite arbeiten sie ständig. Wir müssen verstärkt beobachten. Die machen das sehr professionell."

Die Menschen in der Ukraine glauben nicht an ein baldiges Ende des Konflikts - eher daran, dass er sich verschärfen wird. 45 Prozent aller Ukrainer befürchten nach einer Umfrage vom April dieses Jahres einen Angriff Russlands. 64 Prozent befürworten einen Beitritt zur NATO - ein Ziel, das in der Ukraine Verfassungsrang hat.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. Mai 2021 um 22:45 Uhr.