Ein ukrainischer Soldat steht vor einem zerstörtem russischem Panzer in Charkiw. | REUTERS

Russischer Angriffskrieg Ukraine meldet Erfolge rund um Charkiw

Stand: 11.05.2022 10:20 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat die Einsatzbereitschaft seiner Soldaten gelobt - und Geländegewinne bei Charkiw gemeldet. Für die im Stahlwerk in Mariupol eingeschlossenen Kämpfer sieht er wenig Hoffnung auf Befreiung.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Erfolge der Streitkräfte in der Verteidigung gegen Russlands Angriffstruppen gemeldet. Dem ukrainischen Militär gelinge es, die russischen Kräfte allmählich aus Charkiw im Nordosten des Landes hinauszudrängen, sagte Selenskyj in der Nacht. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs vertrieben seine Truppen die russischen Soldaten aus vier Ortschaften im Nordosten von Charkiw. Ziel sei es, sie zurück an die russische Grenze zu drängen.

Selenskyj lobte Mut und Opferbereitschaft der Truppen seines Landes im Kampf gegen die russische Armee. "Ich bin all unseren Beschützern dankbar, die sich verteidigen und wirklich übermenschliche Stärke zeigen, um die Armee der Eindringlinge zu vertreiben", sagte er am Dienstagabend in seiner täglichen Videoansprache. Und das im Kampf gegen die "einst zweitstärkste Armee der Welt".

Trotz weiterer Erfolge an verschiedenen Fronten wollte Selenskyj keine Euphorie und "übermäßige Emotionen" aufkommen lassen. "Es ist nicht notwendig, eine Atmosphäre spezifischen moralischen Drucks zu schaffen, wenn bestimmte Siege wöchentlich und sogar täglich erwartet werden", warnte er.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Angriffe in Saporischschja, Odessa und Luhansk

Während die Ukrainer im Nordosten des Landes wieder die Kontrolle über verlorene Gebiete übernehmen, rücken die Russen etwa 150 Kilometer südöstlich im Donbass Stück für Stück vor. Das ukrainische Südkommando meldete "gnadenlose" Angriffe der russischen Streitkräfte auf Privathäuser, landwirtschaftliche Einrichtungen und die Stromversorgung.

In der südostukrainischen Stadt Saporischschja sind am Dienstagabend nach ukrainischen Angaben mindestens ein Mensch getötet und acht weitere verletzt worden. Es seien vor allem Wohngebäude in Orechowo getroffen worden, berichtete die "Ukrajinska Prawda" unter Berufung auf die Regionalverwaltung. Wegen der Intensität des Beschusses sei vorübergehend die Zustellung humanitärer Hilfe in den Ort unterbrochen worden. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/10.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/10.05.2022

Am Dienstag meldete die ukrainische Seite russische Raketenangriffe auf den wichtigen Hafen von Odessa im Süden. Dahinter steckt offenbar die Strategie, die ukrainischen Truppen von Versorgungslinien und Waffenlieferungen abzuschneiden. Im Schwarzen Meer verhindern ukrainische Drohnenangriffe nach britischen Erkenntnissen bislang eine Dominanz russischer Truppen. Russland versuche immer wieder, seine Kräfte auf der strategisch wichtigen Schlangeninsel nahe der Hafenstadt Odessa zu verstärken, berichtete das Verteidigungsministerium in London unter Berufung auf britische Geheimdienste. Die russischen Versorgungsschiffe hätten seit dem Untergang des Lenkwaffenkreuzers "Moskau" und dem Rückzug der Marine zur annektierten Halbinsel Krim aber nur wenig Schutz.

Der Gouverneur von Luhansk, Serhiy Gaidai, berichtete von 22 Attacken auf die Region im Osten des Landes binnen 24 Stunden. Aufgrund der russischen Attacken in der Region will die Ukraine den Gastransit nach Europa über Luhansk stoppen.

Ukrainische Soldaten sitzen weiter im Stahlwerk fest

Auch die russischen Angriffe auf die im Stahlwerk von Mariupol verschanzten ukrainischen Soldaten gingen weiter. Die ukrainischen Kämpfer dürfen das Gelände nach dem Willen der russischen Belagerer nicht verlassen. Russland besteht auf ihrer Kapitulation.

Das russische Militär habe jeden Vorschlag zum ungehinderten Abzug der Kämpfer aus dem Werk Asowstal abgelehnt, sagte Selenskyj nach Angaben der "Ukrajinska Prawda". "Die Verteidiger Mariupols bleiben dort, sie setzen den Widerstand auf dem Gelände von Asowstal fort." Kiew bemühe weiterhin alle zur Verfügung stehenden diplomatischen Möglichkeiten, um die Rettung der Soldaten zu ermöglichen.

Selenskyj hatte zuvor erklärt, dass die Ukraine gegenwärtig nicht über die schweren Waffen verfüge, die für einen erfolgreichen Vorstoß zur Befreiung von Mariupol nötig wären.

Auch am Dienstag hatten die ukrainischen Verteidiger über schweren Beschuss durch russische Truppen berichtet. Die ganze Nacht lang sei das Gelände aus der Luft angegriffen worden, sagte der Vizekommandeur des Asow-Regiments, Swjatoslaw Palamar, der "Ukrajinska Prawda". Es gebe viele Schwerverletzte. Sie müssten dringend in Sicherheit gebracht werden.

Zuletzt wurden von dem Gelände unter Vermittlung der Vereinten Nationen und des Roten Kreuzes mehrere hundert Zivilisten evakuiert. Entgegen jüngster Berichte über die vollständige Evakuierung aller Zivilisten aus dem Mariupoler Werk erklärte der regionale Verwaltungschef Pawlo Kyrylenko am Montagabend, es seien doch noch 100 Menschen dort, die keine Kämpfer seien.

Über dieses Thema berichteten am 11. Mai 2022 das ARD-Morgenmagazin um 05:38 Uhr und die tagesschau u.a. um 09:00 Uhr.