Kernkraftwerk Saporischschja (Bild vom 22.8.22) | REUTERS

Betreiber des AKW Saporischschja Warnung vor Austritt von Radioaktivität

Stand: 27.08.2022 15:02 Uhr

Wieder gibt es Meldungen über einen Beschuss des besetzten ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja. Der Betreiber sieht die Sicherheit in Gefahr und warnt davor, dass Radioaktivität austreten könnte.

Russland und die Ukraine haben sich erneut gegenseitig einen Beschuss des von Moskaus Truppen besetzten Atomkraftwerks Saporischschja vorgeworfen. Die Anlage sei erneut "mehrmals" beschossen worden, teilte der staatliche ukrainische Energiekonzern Energoatom mit. Dadurch sei die Infrastruktur des größten Atomkraftwerks Europas beschädigt worden. In dem AKW besteht nach Angaben des Betreibers das Risiko, dass Radioaktivität austreten könnte.

Nach Angaben des Betreibers lief das AKW gegen Samstagmittag "mit dem Risiko, Radioaktivitäts- und Feuerschutz-Standards zu verletzen". Weiter hieß es von Enerhoatom: "Das ukrainische Personal des AKW setzt seine Arbeit fort und unternimmt alle Anstrengungen, um die nukleare und Strahlensicherheit zu gewährleisten."

Russland und Ukraine melden Beschuss

Dagegen teilte das russische Verteidigungsministerium mit, dass AKW sei innerhalb von 24 Stunden insgesamt dreimal mit Artillerie von ukrainischer Seite beschossen worden. Dabei seien vier Geschosse in das Dach einer Anlage eingeschlagen, in der Kernbrennstoff der US-Firma Westinghouse gelagert sei, sagte Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow in Moskau. Überprüfbar von unabhängiger Seite war dies nicht.

Der Sprecher sagte auch, dass weitere Geschosse in der Nähe von Lagern mit Brennstäben und mit radioaktiven Abfällen eingeschlagen seien. Die Strahlensituation liege aber weiter im normalen Bereich.

Der Gouverneur der Region Dnipropetrowsk, Valentyn Resnitschenko, sagte widerum, die russischen Truppen haben erneut Raketen und Artilleriegranaten auf ukrainisch kontrollierte Gebiete in der Nähe des Atomkraftwerks Saporischschja abgefeuert. Die Geschosse schlugen in den Städten Nikopol und Marhanez ein, jeweils etwa zehn Kilometer von der Atomanlage entfernt am anderen Ufer des Dnipro gelegen.

AKW wieder am Netz

Nachdem das AKW am Donnerstag nach einer Notabschaltung zeitweilig vom ukrainischen Stromnetz getrennt war, seien nun zwei Blöcke wieder am Netz und produzierten Strom, teilte Enerhoatom mit. Zugleich beklagte der Betreiber, die russischen Besatzer würden das Personal unter Druck setzen. Die Ukraine rufe die Weltgemeinschaft auf, Russland zur Übergabe des AKW zu zwingen, heißt es in der Mitteilung weiter, "in die Kontrolle unseres Landes für die Sicherheit der ganzen Welt".

Grund für die zwischenzeitliche Aschaltung zweier Reaktoren war nach Angaben beider Seiten eine beschädigte Hochspannungsleitung. Die Ukraine nannte russischen Artilleriebeschuss als Ursache. Die Besatzer sprachen von einem Brand als Auslöser eines Kurzschlusses. Was den Brand verursachte, sagten sie nicht.

Selenskyj: Situation "riskant und gefährlich"

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte unterdessen vor einer erneuten Unterbrechung der Stromzufuhr für das AKW: "Die Situation dort ist nach wie vor sehr riskant und gefährlich", sagte Selenskyj in einer Videoansprache am Abend. Eine weitere Abschaltung der Reaktoren wegen Strommangels würde das AKW erneut an den Rand einer Katastrophe rücken.

Er bekräftigte seine Forderung nach einem baldigen Besuch internationaler Experten sowie nach dem Rückzug der russischen Truppen von dem AKW-Gelände. "Jede Wiederholung (...) wird das Kraftwerk erneut an den Rand einer Katastrophe bringen" sagte er mit Blick auf den Vorfall am Donnerstag. .

Mit insgesamt sechs Blöcken ist Saporischschja das größte Atomkraftwerk Europas. Im März wurde es von russischen Truppen erobert. Seitdem werfen sich Moskau und Kiew immer wieder gegenseitig Beschuss der Anlage vor. International wachsen die Sorgen vor einer Atomkatastrophe.

Britischer Geheimdienst: Verstärkte russische Angriffe

Derweil gehen die russischen Angriffe auf die Ukraine unvermindert weiter: Im Süden der Ukraine wurde bei einem russischen Angriff auf Mykolajiw am Schwarzen Meer ein Mensch getötet, wie die örtlichen Verwaltungsbehörden mitteilten. Der Gouverneur von Donezk im Osten meldete zwei Tote bei russischem Beschuss der Stadt Bachmut.

Nach britischen Angaben verstärkte die russische Armee ihre Angriffe in der Ostukraine zuletzt wieder. In den vergangenen fünf Tagen habe die Intensität russischer Attacken nahe der Großstadt Donezk wieder zugenommen, teilte das Verteidigungsministerium in London unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse mit.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/26.08.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/26.08.2022

Mit den Angriffen wollten die russischen Truppen vermutlich zusätzliche ukrainische Truppen im Osten binden, um eine erwartete ukrainische Gegenoffensive im Süden des Landes zu erschweren, hieß es. Es habe heftige Kämpfe nahe der Städte Siwersk und Bachmut nördlich von Donezk gegeben. Truppen der moskautreuen Separatisten seien vermutlich weiter ins Zentrum des Dorfes Pisky nahe des zerstörten Flughafens Donezk vorgedrungen, hieß es weiter. Insgesamt hätten die russischen Einheiten aber nur wenige Geländegewinne verzeichnet.

Über dieses Thema berichteten am 27. August 2022 Inforadio am 27. August 2022 um 14:11 Uhr und tagesschau24 um 15:00 Uhr.