Kernkraftwerk Saporischschja | REUTERS

AKW Saporischschja Selenskyj warnt vor Atomkatastrophe

Stand: 09.08.2022 10:43 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat angesichts des Beschusses des AKW Saporischschja vor einer Situation wie in Tschernobyl gewarnt. Die Sorge vor einem Zwischenfall ist groß - auch international. Offenbar hat Russland einer internationalen Inspektion zugestimmt.

Nach den Angriffen auf das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja hat Präsident Wolodymyr Selenskyj vor einer atomaren Katastrophe gewarnt und Vergleiche zur Tschernobyl-Katastrophe 1986 gezogen. "Die Welt sollte Tschernobyl nicht vergessen und sich daran erinnern, dass das Atomkraftwerk Saporischschja das größte in Europa ist", sagte der ukrainische Staatschef. "Die Tschernobyl-Katastrophe war die Explosion eines Reaktors. Saporischschja hat sechs Reaktoren."

Zugleich forderte Selenskyj neue Sanktionen gegen Russland. "Nötig sind neue Sanktionen gegen den terroristischen Staat und die gesamte russische Atomindustrie wegen der Schaffung der Gefahr einer atomaren Katastrophe."

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/08.08.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/08.08.2022

Anlage durch Raketen beschädigt

Das größte Atomkraftwerk Europas im Süden der Ukraine war in den vergangenen Tagen mehrfach mit Raketen beschossen worden. Dabei wurden Teile der Anlage beschädigt, ein Reaktor musste abgeschaltet werden. Russland und die Ukraine schieben sich dafür gegenseitig die Verantwortung zu. Das AKW ist seit Anfang März von der russischen Armee besetzt.

Sorge um Saporischschja

Auch international wächst die Sorge um das russisch besetzte Atomkraftwerk in der Ukraine. UN-Generalsekretär António Guterres warnte: "Jeder Angriff auf ein Atomkraftwerk ist eine selbstmörderische Angelegenheit."

Guterres forderte, dass Experten der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA nach Saporischschja gelassen werden. Der Chef der IAEA, Rafael Grossi, sieht eine "sehr reale Gefahr einer nuklearen Katastrophe" im Kriegsgebiet.

Der Ständige Vertreter der Ukraine bei der IAEA, Jewgeni Zymbaljuk, regte an, unbewaffnete internationale Militärbeobachter nach Saporischschja zu schicken. Für so einen Einsatz wäre aber laut IAEA die Unterstützung Moskaus und Kiews notwendig.

Russland zu Inspektion von AKW bereit

Russland ist einem Medienbericht zufolge offenbar offen für eine internationale Inspektion des von seinen Truppen besetzten ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja. Sein Land sei bereit, der UN-Atomenergiebehörde eine Untersuchung der Anlage zu ermöglichen, zitierte die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti den ständigen Vertreter Russlands bei internationalen Organisationen in Wien.

Bislang wohl keine Strahlung ausgetreten

Bislang ist nach Erkenntnissen der USA keine radioaktive Strahlung freigesetzt worden. "Wir beobachten die Aktivitäten weiterhin genau: Das Kraftwerk, das Energieministerium und die Nationale Behörde für nukleare Sicherheit berichten, dass die Strahlungssensoren weiterhin Daten liefern - und glücklicherweise haben wir keine Anzeichen für erhöhte oder abnormale Strahlungswerte festgestellt", sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses.

Auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat bislang keine Hinweise auf freigesetzte Radioaktivität. "Es liegen keine Hinweise vor, dass in der Ukraine radioaktive Stoffe freigesetzt worden sein könnten", teilte das Amt den Zeitungen der Funke Mediengruppe mit. Alle vorliegenden radiologischen Messwerte bewegten sich demnach "im normalen Bereich".

Nuklear-Experten halten Saporischschja aufgrund seiner Konstruktion für sicherer als die Kraftwerke in Tschernobyl oder Fukushima, bei denen es 1986 und 2011 zu schweren Reaktorunfällen gekommen war. Einem gezielten militärischen Angriff würde Saporischschja jedoch wohl nicht standhalten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. August 2022 um 03:00 Uhr.