Boris Johnson | Paul ELLIS / AFP

Corona-Pandemie Bericht wirft Johnson schwere Fehler vor

Stand: 12.10.2021 10:47 Uhr

Ein Parlamentsbericht stellt Großbritanniens Premier Johnson ein schlechtes Zeugnis aus: Zu Beginn der Pandemie habe er mit einem Lockdown zu lange gewartet. Der Ansatz der Regierung sei falsch gewesen und habe Leben gekostet.

Ein Parlamentsbericht hat den Umgang des britischen Premierministers Boris Johnson mit dem Coronavirus kritisiert. Das Herauszögern eines Lockdowns zu Beginn der Pandemie vergangenes Jahr war demnach "eines der größten Versäumnisse im Bereich der öffentlichen Gesundheit" in der Geschichte des Landes, heißt es im Untersuchungsbericht. Der "falsche" Ansatz der Regierung habe Tausende Menschenleben gekostet.

Die Abgeordneten kritisierten nicht nur, dass die Regierung zu spät Ausgangssperren für die eigene Bevölkerung erlassen hatten - sie wiesen auch darauf hin, dass Großbritannien seine Grenzkontrollen erst sehr spät verschärft hatte. Demnach hatte die Regierung das Coronavirus anfangs unterschätzt und mit falschen Modellen gearbeitet. Der Regierungskurs "hätte von allen stärker in Frage gestellt werden müssen".

Doch auch das schleppende Anlaufen des Test- und Kontaktverfolgungsprogramms und die Verlegung Tausender älterer Menschen aus Krankenhäusern in Pflegeheime ohne vorherige Tests habe sich als verhängnisvoll erwiesen, resümieren die Abgeordneten.

"Schwerwiegender früher Fehler"

Die Strategie der Regierung in den ersten drei Monaten der Krise spiegelte den offiziellen wissenschaftlichen Rat wider, dass eine weit verbreitete Infektion unvermeidlich sei, da die Testkapazitäten begrenzt seien, es keine unmittelbare Aussicht auf einen Impfstoff gab, und die Öffentlichkeit längere Schließungen wohl nicht akzeptieren würde, heißt es in dem Bericht. Daher habe die Regierung lediglich versucht, die Ausbreitung des Virus zu kontrollieren, anstatt zu versuchen, es ganz zu stoppen.

Von den Erfahrungen anderer Länder, besonders in Asien, die durch einen frühen und energischen Lockdown das Virus in Griff bekamen, habe man nicht gelernt. Dies sei ein "schwerwiegender früher Fehler" gewesen, den das Vereinigte Königreich mit vielen Ländern in Europa und Nordamerika teilte.

Die Abgeordneten kommen zu dem Schluss, dass die Entscheidungen über Lockdowns und Abstandsregeln während der ersten Pandemiewochen zum «größten Versagen im Gesundheitswesen in der Geschichte des Vereinigten Königreichs» gehören. Gleichzeitig loben sie das erfolgreiche Impfprogramm des Landes als "eine der effektivsten Initiativen, die der britischen Wissenschaft und öffentlichen Verwaltung" je gelungen sei.

Auch Cummings vernommen

Mitglieder des Wissenschaftsausschusses und des Gesundheitsausschusses im britischen Unterhaus hatten für ihren Bericht zahlreiche Zeugen vernommen, darunter auch den ehemaligen Gesundheitsminister Matt Hancock und den umstrittenen Ex-Berater von Johnson, Dominic Cummings, der wegen der Missachtung von Quarantäne-Regeln nach seiner Covid-Erkrankung selbst in der Kritik stand. Eine unabhängige öffentliche Untersuchung der Corona-Politik der Regierung soll erst nächstes Jahr folgen.

Großbritannien ist mit etwa 138.000 Corona-Todesfällen eines der am schlimmsten von der Pandemie betroffenen Länder Europas. Während zahlreiche europäische Regierungen bereits relativ früh Corona-Maßnahmen wie Lockdowns erlassen hatten, hatte sich Johnson erst Ende März 2020 dazu durchringen können. Kurz darauf landete Johnson selbst mit einer Corona-Infektion auf der Intensivstation, zahlreiche seiner Kabinettskollegen und Berater infizierten sich. Unter seinen Beratern hatten damals lange Pläne von einer kontrollierten "Durchseuchung" der Bevölkerung zirkuliert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Oktober 2021 um 09:00 Uhr in den Nachrichten.

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