Kinder lassen im Moskauer Park des Sieges Drachen in den russischen Nationalfarben steigen. | picture alliance/dpa/TASS

80 Jahre nach Überfall auf UdSSR Gedenken nach Gesetzesvorschrift

Stand: 22.06.2021 03:10 Uhr

Vor 80 Jahren überfiel das Deutsche Reich die Sowjetunion - dort gab es im Krieg 27 Millionen Tote. Heute stellt sich Russland in den Mittelpunkt des Gedenkens - und macht damit Politik.

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau, zzt. Köln

"Vom ersten Tag bis zum Sieg" heißt die Sonderausstellung, die im Moskauer Park des Sieges an den Überfall von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion vor genau 80 Jahren erinnert. Dem Besucher wird gleich zu Beginn durch eine Multimedia-Show der Angriff auf die UdSSR nahe der Festung Brest im heutigen Belarus veranschaulicht: Divisionen von Panzern, Wehrmachts-Soldaten mit automatischen Waffen und Flammenwerfern unterstützt durch Angriffe der Luftwaffe - ein unvorstellbares Inferno.

Stephan Laack

Andrej Gorbunow, Historiker am Museum des Großen Vaterländischen Krieges, schildert, wie sich der 22. Juni in Russland in die kollektive Erinnerung eingebrannt hat:

Dieser Tag ist der schwärzeste in der Geschichte unseres Landes, und man erinnert sich immer ohne feierliche Gefühle daran, obwohl wir diesen Krieg gewonnen haben.

Gemeinsamer Feind aller Sowjetrepubliken

Die UdSSR war auf den Angriff nach dem Nichtangriffspakt mit Deutschland nicht vorbereitet. 27 Millionen Todesopfer, so viele wie in keinem anderen Land, waren am Ende zu beklagen. Besonders schlimm wütete die deutsche Wehrmacht auf dem heutigen Gebiet der Ukraine und Belarus.

Für den Historiker Gorbunow hat die gemeinsame Geschichte dieses Krieges etwas Vereinendes für die Menschen aus den verschiedenen Ex-Sowjetrepubliken - trotz aller politischer Differenzen, die es heute gibt. "Ich habe viele Bekannte dort, ganz normale Menschen, und sie betrachten dies auch als ein gemeinsames Unglück", sagt er. "Ich weiß nicht, wie es die politische Elite es sieht, ich habe nie darauf geachtet. Aber leider ist die Politik so, dass es eine Trennung dieser Länder von Russland gibt, obwohl wir alle zusammen unser Geschichte erlebt und gegen einen gemeinsamen Feind gekämpft haben."

Kadetten legen bei einer Gedenkveranstaltung im Moskauer Park des Sieges Blumen am Ewigen Feuer nieder. | picture alliance/dpa/TASS

Kadetten legen bei einer Gedenkveranstaltung im Moskauer Park des Sieges Blumen am Ewigen Feuer nieder (Bild vom 12.06.2021). Bild: picture alliance/dpa/TASS

Sonderausstellungen in vielen Städten

In Moskau wird des Angriffs durch Nazi-Deutschland vor 80 Jahren mit verschiedenen Veranstaltungen gedacht. Schon in der Nacht wurden vor dem Museum des "Großen Vaterländischen Krieges" 1418 Kerzen entzündet: 1418 Tage dauerte es vom 22. Juni bis zum Ende des Krieges.

In mehr als 30 russischen Städten gibt es zudem Sonderausstellungen zu diesem Thema. Um 18.00 Uhr Moskauer Zeit wird im ganzen Land eine Schweigeminute abgehalten. Auch das Fernseh- und Radioprogramm wird dann unterbrochen.

Russlands Präsident Wladimir Putin würdigte in seiner Rede zum Tag des Sieges am 9. Mai die Tapferkeit der sowjetischen Soldaten aus allen Teilen der UdSSR. Auch der Beharrlichkeit der Zivilbevölkerung sei es zu verdanken, dass der Krieg gegen Hitlerdeutschland ein siegreiches Ende fand. "Der Krieg brachte so viele unerträgliche Prüfungen, Trauer und Tränen mit sich, dass man ihn nicht vergessen kann. Und es gibt keine Vergebung und Entschuldigung für diejenigen, die wieder über aggressive Pläne nachdenken", sagte er.

Neues Gesetz - Schutz oder Zensur?

Und die Heldentaten der Sowjetarmee sollen nicht in Misskredit gezogen werden. Die Duma verabschiedete unlängst ein Gesetz, das die Beleidigung von Veteranen oder Vergleiche der Hitler-Diktatur mit dem Stalin-Regime unter Strafe stellt.

Unter russischen Historikern ist das nicht unumstritten. Fraglich sei etwa, inwieweit Kritik an der Kriegsführung Stalins oder an Verbrechen der Roten Armee wie beispielsweise dem Massaker an polnischen Offizieren in Katyn 1940 dann noch möglich sei.

"Dieser Gesetzeskomplex zielt meiner Meinung nach darauf ab, die Meinungsfreiheit und die politische Betätigungsfreiheit generell einzuschränken", meint Dmitrij Dubrowski von der freien historischen Gesellschaft in Moskau. Die bestehenden Gesetze seien ausreichend, denn bereits jetzt sei es in Russland verboten, die Verbrechen der Wehrmacht zu leugnen.

Doch Putin beklagt immer wieder, das Andenken an die Leistung der Roten Armee, die Europa maßgeblich von den Faschisten befreite, werde von einzelnen Ländern in den Schmutz gezogen.

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 22. Juni 2021 um 07:05 Uhr.