Ein Hotelmitarbeiter in Antalya bringt ein Corona-Warnschild auf einer Poolliege an (Foto vom 20.04.2021). | picture alliance / AA
Weltspiegel

Türkei Letzte Hoffnung Impfen

Stand: 02.05.2021 02:20 Uhr

Seit einem Jahr bemüht sich die Türkei, Corona-gerechten Urlaub anzubieten. Doch hohe Infektionszahlen im Land schrecken Gäste ab. Die Hoffnung der Hotelmitarbeiter: sich schnell impfen lassen.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Schwarze Gummihandschuhe, schwarze Maske, Plexiglasscheiben: Das soll Vertrauen bei den Gästen schaffen, sagt der Koch Salih Bora. In seinem Restaurant im türkischen Antalya halten die Angestellten jetzt Abstand von den Gästen. Den Service, sagen sie, bekämen sie dennoch hin, auch wenn es etwas schwieriger sei - "wir haben uns daran gewöhnt".

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Es ist kurz vor der Öffnung des Hauptrestaurants im Hotel. Ein letzter Kontrollgang. Alle Corona-Maßnahmen müssen eingehalten werden, denn immer wieder kommt der türkische TÜV unangemeldet, um zu prüfen.

Auf dem Boden sind Warnhinweise mit der Aufforderung, Abstand zu halten. Absperrungen sollen verhindern, dass sich die Gäste am Buffet selbst bedienen. "Mach das Visier runter", weist Bora den Kollegen an. Am Eingang des Restaurants messen sie die Temperatur der Gäste.

Keine Maskenpflicht für Touristen

Seit einem Jahr bemüht sich die Türkei um einen Corona-gerechten Tourismus - daran ändern auch die jüngsten Lockdown-Maßnahmen nicht; der Tourismus bleibt von ihnen ausdrücklich ausgenommen. Die türkische Riviera ist immer noch eines der Lieblingsurlaubsziele der Deutschen. Doch die zuletzt sehr hohen Infektionszahlen und die entsprechende Quarantäne nach einer Reise schrecken viele ab. Bisher sind vor allem Gäste aus Osteuropa in die Region Antalya gekommen. In diesem Hotel sind Urlauber aus Litauen, Russland und dem Iran. Die meisten zeigen sich ohne Maske, weil sie ja vor der Einreise in die Türkei einen negativen Corona-Test vorweisen mussten - so das Argument.

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Hotelgäste beim Temperaturmessen.

Der türkische Staat zwingt seine Bürger in der Öffentlichkeit Maske zu tragen, aber Touristen sind in Hotels ausgenommen. Hotelkoch Bora findet das schwierig. Er ist verheiratet, hat drei Kinder. Seine Tochter leidet an einer chronischen Krankheit. Der Staat könnte durchaus strengere Maßnahmen anwenden und Touristen auferlegen, Masken zu tragen, sagt er. Ihm selbst gehe es zwar gut, aber er habe Bedenken.

Die meisten im Tourismus Beschäftigten sind in diesem Jahr jedoch froh, wenn sie überhaupt etwas zu tun haben. Ein Großteil der Touristen kam in den vergangenen Jahren aus Russland. Mitte April schränkte Russland die Flüge in die Türkei massiv ein wegen der Pandemie, hieß es offiziell aus Moskau. Nicht jeden überzeugte das: Mancher Beobachter sah darin eine Reaktion auf die Hilfe, die die Türkei der Ukraine bei den Friedensbemühungen im Konflikt mit Russland zugesagt hatte.

Negativer PCR-Test als Einreisehemmnis?

Und so sind viele Hotels leer. 36 Prozent beträgt die Auslastung in Boras 3000-Betten-Hotel. In den Nachbarhotels sehe es teilweise noch schlechter aus, sagt er - zwei benachbarte Häuser hätten gar nicht geöffnet, eines  wegen fehlender Gäste wieder geschlossen.

Kadir Ugurs Unternehmen bietet seit mehr als 50 Jahren Reisen aus Deutschland in die Türkei an. Das Ostergeschäft sei schlecht gewesen, sagt er, auch weil die türkische Regierung Anfang des Jahres einen Fehler gemacht habe: Ankara entschied damals, Touristen müssen vor der Einreise in die Türkei einen negativen PCR-Test vorlegen. "Test bei der Einreise, Test bei der Ausreise ist zu viel Aufwand", kritisiert er. Er habe dagegen vorgeschlagen, dass bereits Geimpfte nicht getestet werden sollen.

Doch immer mehr Länder verlangen einen negativen PCR-Test vor der Einreise. So auch Deutschland. Die meisten Hotels in der Türkei bieten deshalb den Test im Haus 48 Stunden vor Abreise für etwa 30 Euro an. Positiv Getestete müssen im Hotel in speziellen Quarantänezimmern bleiben, bis sie gesund sind und ihr Test negativ ist. Das Hotel übernimmt die Kosten für diesen Zeitraum. In Boras Hotel gebe es derzeit zwei Erkrankte, die sich in Quarantäne befinden, sagt die medizinisch-technische Assistentin Selma Kücükalic.

Das Virus hat aber auch vor dem Hotelpersonal nicht Halt gemacht, weiß Bora. Doch es habe zumindest keine schwer erkrankten Kolleginnen und Kollegen gegeben. Die Pandemie ist für die im Tourismus Angestellten aus verschiedenen Gründen eine Belastung. Ständig droht der Jobverlust. Schon im vergangenen Jahr hat Bora finanzielle Verluste erlitten, als die Hotels monatelang geschlossen waren - und er müsse doch seine Familie ernähren, sagt er. "Sie haben Erwartungen, ich muss arbeiten."

Erst die Hotelmitarbeiter, dann die Lehrer

Um mehr Urlauber ins Land zu locken, will der türkische Staat nun Innerhalb weniger Wochen alle Beschäftigten in der Tourismusbranche priorisiert impfen lassen, noch vor vielen Lehrern oder Arbeitern, die nicht ins Homeoffice können. Bora ist an diesem Tag an der Reihe.

Ein bisschen aufgeregt sei er, sagt Bora. Es ist der chinesische Impfstoff. Diskussionen um dessen Qualität hält er aber für übertrieben - das werde schon keinen großen Unterschied machen. Nun werde hoffentlich alles besser.

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Salih Bora lässt sich impfen.

Die Impfkampagne ist die große Hoffnung für den Tourismus in der Türkei. Wenn das Wetter besser wird, dann gingen auch wie im vergangenen Jahr die Corona-Zahlen runter, glaubt man hier. Und dann würden die Gäste erneut den günstigen Urlaub an der türkischen Riviera buchen.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 02. Mai 2021 um 19:20 Uhr.