Sedat Peker (Archivbild) | picture alliance / AA

Mafiaboss auf YouTube Wie "Narcos" auf Türkisch

Stand: 24.05.2021 18:19 Uhr

Ein Mafioso im Exil verbreitet auf YouTube schwere Anschuldigungen gegen die türkische Regierung und generiert damit Millionen Klicks. Ein Phänomen, das zeigt: Die Unzufriedenheit wächst.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Am Sonntagmorgen startet Sedat Peker den Upload seines neuesten Videos. Im Laufe des Tages setzen sich überall in der Türkei Menschen vor den Computer, das Tablet oder den Flachbildschirm, um auf Pekers YouTube-Kanal den neuesten Blog des notorischen Mafiabosses anzusehen. Schon wenige Stunden nach der Veröffentlichung verzeichnet der 77 Minuten dauernde Monolog mehr als sechs Millionen Aufrufe.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Millionen Klicks trotz langweiliger Inszenierung

Dabei könnte die Szenerie kaum langweiliger gestaltet sein. Peker sitzt im schwarzen aufgeknöpften Hemd mit Goldkette an einem Schreibtisch. Auf dem Tisch liegen akkurat angeordnete Papierstapel, die offenbar ein Beleg für seine schweren Anschuldigungen gegen türkische Politiker sein sollen. Hinter ihm stehen Stühle und Tische.

Es dürfte sich um einen Hotel-Konferenzraum handeln. Unter normalen Umständen interessiert sich niemand für so ein Video, sagen die Schwestern Dilsad und Maya, die ihre richtigen Namen hier nicht lesen wollen. Doch in der Türkei sei schon lange nichts mehr normal. So haben sich die beiden Lehrerinnen verabredet, Pekers siebte Folge anzusehen.

Schwere Vorwürfe gegen hochrangige Politiker

Vor drei Wochen erschien der erste Teil, der inzwischen von 4,7 Millionen Menschen aufgerufen wurde. Das Interesse stieg mit jedem Video. Die sechste Folge sehen innerhalb von drei Tagen acht Millionen Menschen. Dilsad und Maya lachen über Peker, über die Art, wie er redet. Der Mafioso macht Witze, er hebt und senkt die Stimme, um die Aufmerksamkeit der Zuschauerinnen und Zuschauer zu gewinnen. Auch wenn sie sich über den mit ausladenden Gesten gelegentlich in die Kamera brüllenden Mann amüsieren, so blicken sie dennoch gebannt und fasziniert auf den Bildschirm und folgen jedem Wort. Er halte sich sicherlich im Ausland auf, vielleicht Dubai, so Dilsad, denn wäre er in der Türkei, hätte der Staat ihn längst festgenommen.

Vor allem der türkische Innenminister Süleyman Soylu dürfte größtes Interesse daran haben, Peker möglichst schnell zum Schweigen zu bringen. Der vor eineinhalb Jahren ins Ausland geflohene Mafiaboss belastet Soylu in verschiedenen Videos immer wieder schwer. Er spricht ihn mit "süslü" an, was ungefähr "Hübscher" bedeutet. Im siebten Teil unterstellt er ihm, eine Rolle bei Kokainimporten aus Venezuela in die Türkei zu spielen. Die Schlüsselfigur dabei sei Erkan Yildirim, Sohn des ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim. Der Junior, so Peker, sei im Januar und Februar nach Venezuela geflogen, um Drogengeschäfte einzufädeln.

Die Justiz blieb lange untätig

Ob all das die Wahrheit sei, wisse man nicht, sagen die beiden Schwestern. Doch die vielen Details, die Peker nennt, ergäben einen Sinn. Der Mafiapate fordert in den Videos wiederholt türkische Staatsanwälte und Journalisten auf, seine Aussagen zu prüfen. Doch die vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan immer wieder als unabhängig gepriesene Justiz sieht die umfassenden Anschuldigungen des Mafiabosses offenbar nicht als Anlass, um auch nur einem der zahlreichen Hinweise zu Straftaten nachzugehen.

Allerdings wurde am Sonntag überraschend bekannt, die Justiz habe einen Freispruch für den ehemaligen Innenminister Mehmet Agar und weitere Angeklagte wegen diverser Morde in den 1990er-Jahren aufgehoben. Ein neues Verfahren soll starten. Peker belastete in verschiedenen Videos auch Agar wiederholt. 

Der Präsident hüllt sich in Schweigen

Erdogan selbst schweigt bisher zu den Videos. Soylu hat sich bei einem Interview geäußert und versucht, Pekers Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Die Folge waren noch mehr Aufrufe auf YouTube. Die der Regierung nahestehenden Fernsehsender und Zeitungen fassen das Thema nicht an. Doch in den sozialen Medien kochen die Kommentare über. Inzwischen sehen sich Türkinnen und Türken Peker an, um mitreden zu können. Man spreche von der türkischen Variante der Netflix-Mafia-Serie "Narcos", sagt Maya. Die Videos sind zum gesellschaftlichen Ereignis geworden.

Viel werde darüber spekuliert, warum Peker so offen spreche, erklären die Schwestern. Er selbst beschwört im siebten Teil, er wolle kein Abgeordneter werden. Maya und Dilsad spekulieren, der Mafiaboss wolle in die Türkei zurückkehren und deshalb den Innenminister und sein Umfeld so beschädigen, dass Erdogan letztendlich diesen aus dem Kabinett werfen muss und Peker selbst begnadigt. Die Hoffnung, Peker könnte durch seine Aussagen Soylus Rücktritt erzwingen, dürfte ein Grund dafür sein, warum immer mehr Menschen im Land an den Lippen des Mafiabosses hängen. Viele fürchten Soylus zunehmende Macht. Bisweilen wird er als möglicher Nachfolger des Präsidenten gehandelt.

Unzufriedenheit mit der politischen Führung wächst

Erdogans autoritärer Führungsstil und dessen Wirtschaftspolitik finden immer weniger Zustimmung im Land. Arbeitslosigkeit und Inflation nehmen zu. Die türkische Währung Lira ist unter Druck. In Umfragen würde seine AKP zusammen mit der rechtsextremen Partei MHP derzeit maximal auf vierzig Prozent kommen. Immer mehr Menschen verlieren den Glauben daran, dass der Präsident das Land in eine Zukunft mit Perspektiven führen kann.  

Peker greift dennoch Erdogan selbst nicht an. Das Problem, so Peker, sei der sogenannte tiefe Staat. Zu diesem gehörten Politiker wie Soylu oder der ehemalige Innenminister Agar, die in dunkle Geschäfte verstrickt seien und beispielsweise auch kein Interesse an einer Lösung der Kurdenfrage oder der Probleme der religiösen Minderheit der Aleviten hätten. Vielmehr wollten sie diese Konflikte weitertreiben.

Ein Mafioso als Hoffungsträger?

Solche Sätze Pekers finden die regierungskritischen Schwestern gut. Zwar sei er ein Mafiaboss und habe sogar Morde auf dem Gewissen, doch er sage für die Türkei wichtige Dinge, die ihn irgendwie sympathisch wirken lassen. Viele oppositionell eingestellte Türken würden ähnlich wie sie denken, so Maya und Dilsad. Sie hoffen, auch viele im rechtsextremen Lager sehen die Videos an. Peker selbst käme aus diesem Lager und bringe Nationalisten vielleicht zum Nachdenken. Die Hoffnung, dass ein Mafiaboss in der Türkei etwas ändern könnte, sei aber auch ein trauriges Zeugnis für den Zustand des Landes, so die Schwestern.