Nikos Dendias und Mevlut Cavusoglu bei einer Pressekonferenz. | EPA

Griechenland und Türkei Eklat vor laufenden Kameras

Stand: 16.04.2021 09:16 Uhr

Die Beziehungen zwischen Athen und Ankara sind traditionell schlecht. Nun endete der erste Besuch eines griechischen Außenministers in der Türkei seit zwei Jahren im Eklat - vor laufenden Kameras.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Der erste Schauplatz war das berüchtigte "Sofa-Gate"-Zimmer. Auch der griechische Außenminister Nikos Dendias musste - wie die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen - auf der Couch Platz nehmen. Diesmal stimmte die Sitzordnung aber. Sein Amtskollege Mevlüt Cavusoglu saß ihm gegenüber, ebenfalls auf einem Sofa, Präsident Recep Tayyip Erdogan alleine auf einem Stuhl. Dieses Zimmer ist Disharmonie gewohnt. Aber sie findet hinter verschlossenen Türen statt. Bei der anschließenden Pressekonferenz der beiden Außenminister brach sie sich Bahn.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Erst Harmonie...

Dabei hatte es so freundschaftlich angefangen. Cavusoglu spricht von seinem "Freund Nikos". Der Grieche wiederum erzählt, wie lange man sich schon kenne. Man habe all die vielen strittigen Themen diskutiert: den Streit um die Erdgasfelder im östlichen Mittelmeer, die beide Länder für sich beanspruchen, die Zypernfrage. Es ging auch um den Vorwurf der griechischen Pushbacks gegen Flüchtlinge und darum, dass Ankara die berühmte Hagia Sophia in Istanbul wieder zu einer Moschee gemacht hat.

Dendias sagt, dass Griechenland den Kurs der Türkei unterstützen würde, Mitglied der EU zu werden. Man sei davon überzeugt, dass beide Seiten davon profitieren würden. Dann die üblichen Formulierungen: Die Gespräche seien konstruktiv und offen und ehrlich gewesen, von einer positiven Agenda war die Rede. Davon hatte auch von der Leyen bei ihrem verunglückten Besuch in Ankara gesprochen.

... dann ein plötzlicher Affront

Aber dann knallt es plötzlich. Bei der Presskonferenz wirft Dendias der Türkei unter anderem vor, Prinzipien der Europäischen Union nicht zu respektieren:

Ich glaube nicht, dass ihr das zum ersten Mal hört. Und ich würde äußerst beeindruckt sein, wenn Du, lieber Mevlüt, erwarten würdest, dass ich nach Ankara komme und die Dinge in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer so darstellen würde, als wäre nichts passiert. Die Ansicht Griechenlands ist: Die Türkei hat das internationale Recht und das Seerecht verletzt.

Er droht mit Sanktionen, spricht davon, dass Ankara Unwahrheiten verbreite.

Wilder Ritt durch verschiedenste Themen

Cavusoglu kann nicht an sich halten, spricht von inakzeptablen Anschuldigungen gegen sein Land:

Wir haben drinnen auch darüber gesprochen, dass Griechenland in den vergangenen vier Jahren 80.000 Flüchtlinge zurückgedrängt hat und wie Griechenland diese Menschen manchmal ins Meer gestoßen und Schlauchboote aufgeschlitzt hat. Aber wir haben das nicht vor der Presse behandelt. Jetzt stellen Sie sich aber vor die Presse und wollen vor ihrem Land punkten und beschuldigen dazu die Türkei. Das kann ich so nicht hinnehmen. Alles was wir wollen ist, dass wir - wie auch jetzt bei dieser Pressekonferenz - alle Themen in einem freundlichen Klima ansprechen, um positive Botschaften zu senden.

Aber über den Punkt sind da schon beide hinaus. Cavusoglu beschwert sich über Soldaten auf griechischen Inseln, die es da laut Vertrag nicht geben dürfe. Dendias hält mit erhobenem Zeigefinger dagegen: "Die Türkei hat die Souveränität Griechenlands verletzt mit 400 Überflügen über griechisches Territorium - über griechischen Boden! Mevlüt, du redest von Militarisierung, aber die Inseln sind militarisiert, weil es eine Bedrohung gibt. Das Militär kostet Geld. Wir wollen kein Geld aus dem Fenster schmeißen. Gibt es jemanden, der sagt, es gibt keine militärische Bedrohung?" Immer wieder suchen die beiden die Blicke des anderen. Es ist eine Eskalation, wie man sie nur selten zwischen hochrangigen Politikern erlebt.

Versöhnlicher Abschluss

Nach der Pressekonferenz steht das gemeinsames Fastenbrechen auf dem Programm - es ist der muslimische Fastenmonat Ramadan. Der griechische Außenminister versucht es zum Schluss mit etwas Humor: Er hoffe, dass Cavusoglu ihn vom Abendessen jetzt nicht wieder auslade, er sei nämlich hungrig.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. April 2021 um 06:10 Uhr.