Der türkische Präsident Erdogan bei einer Erklärung im Präsidentenpalast in Istanbul. | AFP

Türkei Erdogans Rettungsanker

Stand: 25.01.2022 09:00 Uhr

Ein altes Lied sorgt auf einmal für Empörung unter den Religiös-Konservativen in der Türkei, und Präsident Erdogan befeuert sie mit drastischen Drohungen. Ein Ablenkungsmanöver von den Wirtschaftsproblemen des Landes?

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Sezen Aksu singt von Adam und Eva und nennt sie Unwissende. Fünf Jahre lang - so alt ist ihr Lied - hat das keinen groß gestört. Jetzt greifen sie Religiös-Konservative massiv an, denn Adam gilt bei den Muslimen als Prophet. Einer von ihnen ist Erol Bulut, der mit einer Gruppe vor dem Istanbuler Gerichtsgebäude eine Presseerklärung abgibt: "Wer weiter unsere Religion, unseren Glauben und unsere Werte attackiert, der muss wissen: Wir sind nicht mehr die alte Türkei. Der Riese ist wach geworden. Verehrte Bürger, in den heiligen Versen steht, dass Glaube und Bigotterie bis ans Ende aller Tage verfeindet sind. Wir stehen auf der Seite des Glaubens. Wir sind die Verfechter dieses Glaubens."

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Beim Freitagsgebet legt Präsident Recep Tayyip Erdogan noch in der Moschee nach: "Niemand kann und darf Beleidigungen gegen den heiligen Adam in den Mund nehmen. Tut es jemand doch, dann ist es gegebenenfalls unsere Pflicht, ihm dafür die Zunge aus dem Mund zu reißen."

Der Istanbuler Islam-Theologe Ihsan Eliacik nimmt Erdogans Namen bei einem Interview im türkischen Fernsehen nicht in den Mund, wirft konservativen Politikern aber vor, die Religion zu missbrauchen: Im Freitagsgebet in einer Moschee davon zu sprechen, die Zunge rauszureißen - das sei der "finale Stoß" einer Kampagne. Erdogan nehme die Sängerin ins Visier und manipuliere. "Solche Kampagnen werden ab sofort in Wellen über uns hereinbrechen."

Sezen Aksu | imago stock&people

Jahrelang hat ihr Lied niemanden nennenswert gestört. Nun steht Selen Aksu massiv in der Kritik und wird öffentlich bedroht. Bild: imago stock&people

Die Umfragewerte sinken

Die Türkei steckt mitten in einer Währungs- und Wirtschaftskrise mit einer historisch hohen Inflation. Die Umfragewerte von Erdogans Regierungspartei AKP und die seines Koalitionspartners, der nationalistischen MHP, sinken. Der türkische Journalist Murat Yetkin greift das auf seinem Youtube-Kanal auf: Es laufe nicht mehr gut, und Erdogan bitte das Volk um Geduld, verspreche den Sieg, als ob man im Krieg sei. Die Bürger aber litten finanzielle Not. Was, so fragt Yetkin, "bleibt Erdogan noch? Da fungieren Glaube und Religion wie ein Rettungsanker. Glaube, Religion ... und Frauenfeindlichkeit."

Denn die Sängerin Aksu ist nicht die einzige Frau, die gerade Probleme wegen kritischer Äußerungen hat. Die bekannte türkische Fernsehjournalistin Sefer Kabas sitzt seit dem Wochenende in einem Istanbuler Frauengefängnis. Die 52-Jährige hatte am Freitagabend in einem regierungskritischen Fernsehsender zwei Sprichworte zitiert: "Ein gekröntes Haupt wird weise", sagt sie, und fährt fort: "Aber wir sehen ja: Das trifft nicht immer zu." Wen sie damit meint, sagt sie nicht, nennt keinen Namen. Auch nicht im zweiten Sprichwort: "Wenn ein Ochse in einen Palast einzieht, wird er deshalb nicht zum König. Sondern der Palast zum Stall."

Später wiederholt sie das auf Twitter. Der Sprecher von Präsident Erdogan, Fahrettin Altun, reagiert noch am selben Abend und twittert, es stehe niemandem zu, den Präsidenten zu beleidigen, der leiste seit Jahren große Dienste für die Meinungsfreiheit in der Türkei. Weiter schrieb er, eine sogenannte Journalistin habe den Präsidenten in unverhohlener Weise im Fernsehen beleidigt. Das habe kein anderes Ziel gehabt, als Hass zu verbreiten.

Hohe Strafen für Präsidentenbeleidigung

Die Polizei nimmt Kabas noch in der Nacht zum Samstag wegen Präsidentenbeleidigung fest. In der Türkei ist das eine Straftat, für die bis zu vier Jahre Haft drohen. Es gibt Tausende Klagen und Verfahren wegen Präsidentenbeleidigung.

Murat Yetkin erklärt auf seinem Youtube-Kanal, Erdogan glaube, er könne sich Respekt verschaffen, indem er anderen verbietet, ihn zu kritisieren: "Erdogan will, dass jeder, der ihn kritisiert, das bereut."

Der Druck verpufft fürs Erste

Im Fall von Kabas scheint das bis jetzt nicht zu funktionieren. Türkische Medien zitieren ihren Anwalt nach einem Besuch bei ihr im Gefängnis mit den Worten, sie sei bester Laune und habe keine Angst, weil sie im Recht sei. Und Sezen Aksu bekommt prominente Unterstützung von mehr als 200 Kulturschaffenden, darunter der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Einem regierungskritischen Nachrichtenportal sagt er: "Sezen Aksu ist unser aller Stolz. Wir werden kein Volk und kein Staat sein, der seine Künstlerinnen und Künstler unterdrückt."

Und die 67-Jährige selbst lässt sich auch nicht unterkriegen. Sie hat ein neues Lied geschrieben. Darin heißt es: "Du kannst mir die Zunge nicht herausreißen" und "Ich schreibe seit 47 Jahren. Ich werde weiter schreiben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. Januar 2022 um 11:11 Uhr.