In Edingburgh stapeln sich die Müllsäcke wegen eines Streiks der Müllabfuhr | AP

Johnsons fatales Erbe Der britische Patient

Stand: 06.09.2022 06:23 Uhr

Rekordinflation, ein marodes Gesundheitssystem und jede Menge Arbeitskämpfe - die künftige britische Premierministerin Truss hat von ihrem Vorgänger Johnson etliche Baustellen geerbt. Klar ist: Sie anzugehen, wird teuer.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Großbritannien leidet unter der höchsten Inflation innerhalb der G7-Industriestaaten, im Juli waren es 10,1 Prozent - der höchste Wert seit 40 Jahren, mit Prognose in Richtung 20 Prozent. Die Labour-Opposition spricht angesichts steigender Preise von einem nationalen Notstand. Der Chef der Bank of England, Andrew Bailey, warnt, das Land könnte in die längste Rezession seit der globalen Finanzkrise rutschen.

Gabi Biesinger ARD-Studio London

Die neue Regierung wird hier beherzt viel Geld zuschießen müssen, sonst könnte der soziale Frieden in Gefahr geraten. Kluge Hausfrauen-Tipps des scheidenden Premierministers Boris Johnson, man möge eben 20 Pfund in einen neuen, schneller heizenden Teekessel investieren, damit ließen sich jährlich zehn Pfund Energiekosten sparen, wurden in den sozialen Netzwerken als Bestätigung gesehen, wie wenig die Regierung den Ernst der Lage bisher begriffen habe.

"Schlichtweg unbezahlbar"

Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass die stark gestiegenen Preise für Gas und Strom schon jetzt knapp die Hälfte der Menschen in Großbritannien finanziell an ihre Grenzen bringt. 45 Prozent der Befragten geben an, sie könnten sich den ab Oktober geltenden Energie-Preisdeckel, der für einen durchschnittlichen Haushalt auf umgerechnet rund 4100 Euro jährlich gestiegen ist, nicht mehr leisten. 

Fast 20 Prozent erklären, dass sie inzwischen Mahlzeiten auslassen. Verbraucherschutzexperte Martin Lewis verwies in der BBC darauf, dass die ab Oktober geltende Preisdeckelung für Energiekosten 37 Prozent der staatlichen Rente ausmache; bei Sozialhilfeempfängern sei es sogar ein noch größerer Teil des ihnen zur Verfügung stehenden Geldes. Alarmismus? Den Vorwurf wies Lewis von sich: "Ich sage: Das ist eine Katastrophe, einfach weil es eine ist. Schlichtweg unbezahlbar."

Vor einem Streik-Herbst

Während die Inflationsrate und die Preise steigen, stiegen die Löhne nicht im gleichen Maße mit, beklagen die Gewerkschaften. Großbritannien schlittert in einen Streik-Herbst. Seit Monaten schwelen Arbeitskämpfe in den unterschiedlichsten Branchen.

"Angemessene Bezahlung, und zwar jetzt", fordern streikende Hafenarbeiter am größten Überseehafen in Felixstowe ebenso wie die Müllabfuhr in Edinburgh, wo während des berühmten Kulturfestivals im August Ratten zwischen verrottenden Müllbergen durch die Stadt liefen. Immer wieder kommt es zu Arbeitsniederlegungen bei der Post, tagelang liegt das Land wegen wiederkehrender Bahnstreiks lahm.

Es betrifft auch das Rechtswesen

Diese Woche gehen nun auch die Pflichtverteidiger bei Gericht in den Ausstand. Vor allem Neueinsteiger würden nach langwieriger Ausbildung so wenig verdienen, dass sie davon kaum leben können, erklärt der Berufsverband. Damit dürften sich Tausende Verfahren weiter verzögern.

Schon im April betrug der Rückstau an Rechtsfällen rund 60.000. Bei Beschäftigten im Gesundheitswesen, bei Lehrergewerkschaften, Staatsangestellten und Busfahrern laufen derweil Urabstimmungen über Streiks oder stehen kurz bevor.

Streikende Anwälte machen in Liverpool (Großbritannien) mit Plakaten auf ihre schlechte Bezahlung aufmerksam | REUTERS

Arbeitskampf in Robe und Perücke: In Liverpool machen streikende Anwälte auf ihre schlechte Bezahlung aufmerksam. Bild: REUTERS

Ein marodes Gesundheitssystem

Ein besonderer Schmerzpunkt ist der Gesundheitsdienst NHS. Gesundheitsminister Steve Barclay wurde jüngst während eines Interviews auf offener Straße von einer Passantin beschimpft, weil Krankenwagen wegen überfüllter Kliniken oft stundenlang warten müssen, bis sie Patienten einliefern können: "Menschen mussten sterben und Sie haben nichts getan!", wurde er angeherrscht.

Und nicht nur bei Notfällen gibt es gefährliche Verzögerungen. Landesweit warten fast sieben Millionen Menschen auf sogenannte "nicht dringende" Behandlungen, wie Hüftoperationen, aber auch Krebstherapien verzögern sich. 

Darüber hinaus fehlen 100.000 Pflegekräfte in Kliniken und mehr als 4000 Allgemeinmediziner - unter anderem Folge des Brexits. 

Eine lange Liste

Und das sind nur einige der innenpolitischen Baustellen, die die neue Regierung erwarten. Dringend notwendige Infrastrukturmaßnahmen in einem Land, das bei der Hitzewelle im Juli tageweise in den "Meltdown" ging, Investitionen in klimafreundliche Energie, Bekämpfung der Wohnungsnot, und der gestiegenen Kriminalität, eine Antwort auf die steigenden Flüchtlingszahlen am Ärmelkanal sowie eine Verbesserung von Bildungschancen, und die Angleichung der Lebensverhältnisse in den einzelnen Landesteilen - nur einige weitere Punkte, die auf der To-Do-Liste stehen.

Außenpolitisch gehört Großbritannien an vorderster Front zu den größten Unterstützern der Ukraine, mit immer mehr Geld und Waffen, auch das muss finanziert werden. Und was den schwelenden Streit mit der Europäischen Union wegen der ungeklärten Brexit-Probleme rund um das Nordirland-Protokoll angeht, muss die Regierung auch zeitnah entscheiden, ob die derzeitige Situation günstig ist, um einen Handelskrieg mit der EU zu riskieren.

 

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. September 2022 um 23:00 Uhr sowie Inforadio am 06. September 2022 um 06:25 Uhr.