Proteste gegen den italienischen Green Pass in Rom (Archivbild). | REUTERS
Reportage

Proteste in Triest Italiens Hauptstadt der Green-Pass-Gegner

Stand: 12.11.2021 03:27 Uhr

In Italien gibt es überwiegend Zustimmung zur 3G-Regel am Arbeitsplatz. In ganz Italien? Nein. Die 200.000-Einwohner-Stadt Triest ist zur heimlichen Hauptstadt der Impf- und Green-Pass-Gegner geworden.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Gianpaolo Sarti ist immer noch schockiert, auch knapp eine Woche nach dem Angriff. "Zuerst hat er mich von hinten gestoßen, gegen den Hals geschlagen. Als ich mich umgedreht habe, hat er mir einen Kopfstoß gegeben. Ich konnte mich gerade noch wegdrehen, so dass er mich nicht auf die Nase, sondern an der Seite getroffen hat, bevor ich gestürzt bin."

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Sarti ist Reporter der Lokalzeitung Il Piccolo in Triest und berichtet über die jede Woche in der Hafenstadt im Nordosten Italiens stattfindenden Demonstrationen der Impf- und Green-Pass-Gegner. Am vergangenen Wochenende kam es erneut zu Ausschreitungen, Gewaltbereite gingen gegen die Polizei vor, auch Journalist Sarti wurde von einem Demonstranten angegriffen.

"Der Green Pass ist soziale Erpressung"

Szenen aus Triest, der Stadt, die in den vergangenen Wochen zu einem zentralen Ort der italienischen No-Vax-Bewegung geworden ist. Nirgendwo im Land gehen so viele Menschen auf die Straße gegen die von der Regierung Draghi beschlossene 3G-Regel am Arbeitsplatz, die sogenannte Green-Pass-Pflicht.

Ugo Rossi ist einer der Wortführer der Green-Pass-Gegner in Triest. "Sie wollen uns zwingen", sagt der 30-Jährige, "eine Impfung zu machen, die noch experimentell ist. Der Green Pass ist eine soziale Erpressung. Er richtet sich gegen den verfassungsrechtlichen Schutz der Arbeit und gegen die persönlichen Freiheiten."

Die große Mehrheit der Menschen in Italien unterstützt die Linie der Regierung, laut Umfragen sind zwei Drittel für den Green Pass am Arbeitsplatz. In Triest aber gehen die Menschen Woche für Woche auf die Straße. Am vergangenen Wochenende waren es laut Polizeiangaben 8000 Demonstrantinnen und Demonstranten, mehr als in allen anderen Städten Italiens. Ein Protest, der vor vier Wochen mit den Hafenarbeitern in Triest begonnen hat, die kostenlose Coronatests forderten.

Proteste haben sich verselbständigt

Mittlerweile, sagt Paolo Peretti von der Transport- und Hafenarbeitergewerkschaft FILT, hätten sich die Anti-Green-Pass-Proteste in der Stadt verselbständigt.

Die Demonstrationen sind keine Demonstrationen der Hafenarbeiter mehr. Jetzt sind es einige Triestiner, aber vor allem viele von auswärts, die sich rangehängt haben.

Die Hafenarbeiter räumten die Straße, die radikalen Impf- und Green-Pass-Gegner aber blieben - und zogen weitere von auswärts an, erzählt Lokalreporter Sarti.

Es hat dann begonnen, dass Menschen aus ganz Italien hier hergekommen sind, um zu demonstrieren. Triest ist durch die Aktionen der Hafenarbeiter zu einer Art Symbol der Anti-Green-Pass-Demonstrationen geworden.

Nicht alle Triestiner mit Protesten einverstanden

Viele unterschiedliche Menschen habe er auf den Kundgebungen getroffen, berichtet Sarti: Radikale Impfgegner, Anhänger alternativer Medizin, fundamentalistische Christen und Althippies, aber auch gewaltbereite Rechtsextremisten und linksautonome Gruppen - einig im Nein zu Green Pass und Regierung.

Dass Triest Symbolstadt aller Green-Pass-Verweigerer geworden ist, will ein Teil der Einheimischen nicht mehr hinnehmen. Die Anwältin Tiziana Benussi hat zusammen mit Mitstreitern eine Triestiner Petition Pro-Wissenschaft und Pro-Green-Pass auf den Weg gebracht.

Wir haben von Freunden Anrufe bekommen, die uns angesichts der Demos gefragt haben: Was passiert denn da bei euch? Triest ist eine Stadt mit wichtigen wissenschaftlichen Einrichtungen. Wir wollen nicht, dass Triest auf das Image als No-Vax-Stadt reduziert wird.

Eine der höchsten Infektionsquoten im ganzen Land

Innerhalb weniger Tage haben mehr als 60.000 Menschen die Triestiner Pro-Green-Pass-Petition unterzeichnet. Die Protest-Gruppen aber wollen weitermachen. Demo-Mitorganisator Ugo Rossi, der mit einer Anti-Impfpartei vor wenigen Wochen ins Rathaus der Hafenstadt eingezogen ist, kündigt an:

Weiterdemonstrieren werden wir, bis diese versteckte Impfpflicht und der Green Pass fallen - und damit auch die Regierung Draghi.

Die Zahl der Covid-Fälle pro 100.000 Einwohner ist in Triest eine der höchsten im Land. Als ein aktueller Infektionsherd wurde eine Anti-Green-Pass-Demonstration vor zwei Wochen identifiziert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. November 2021 um 06:45 Uhr.