Das Logo des Tor-Browsers vor einer binären Zahlenreihe. | picture alliance / photothek

Netzfreiheit Russland zieht Tor-Browser den Stecker

Stand: 11.12.2021 08:31 Uhr

Russland stellt weltweit die zweitgrößte Nutzergruppe des Anonymisierungs-Browsers Tor - doch die russische Medienaufsicht blockiert schrittweise den Zugang. Nicht nur Journalisten sehen sich dadurch weiter eingeschränkt.

Von Natalie Sablowski für tagesschau.de

Russlands Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor hat große Teile des Tor-Netzwerks blockiert, mit dem Nutzer anonym im Netz surfen und auch das Darknet betreten können - ein Schritt, der die Informationsfreiheit im Land weiter einschränkt.

Nach Angaben der Organisation RosKomSvoboda, die sich für Anonymität und gegen Zensur im Internet einsetzt, begann die Blockierung von Tor am 1. Dezember: Nutzer in Moskau, Sankt Petersburg, Jekaterinburg und vielen weiteren russischen Städten meldeten, dass sie keine Verbindung zum Tor-Netzwerk herstellen konnten.

Nur wenige Tage später, am 7. Dezember, erhielten die Internet-Aktivisten des Tor-Projekts eine Aufforderung von Roskomnadsor, "verbotene" Inhalte auf ihrer Website zu löschen. Andernfalls drohe der Website eine Sperrung. Welche Inhalte damit gemeint waren, nannte die Behörde nicht. Die Blockade folgte noch am selben Tag.

Probleme bei der Nutzung des Anonymisierungsdienstes habe es bereits seit Herbst geben, berichtet eine Journalistin der Nowaja Gaseta: Die ohnehin langsame Verbindung sei gedrosselt. Sie nutzt den Tor-Browser, um abseits von staatlicher Beobachtung ihrer Recherche nachzugehen - denn der Browser verwische ihre digitalen Spuren im Netz, erklärt sie.

In Russland nutzen rund 300.000 Menschen täglichen den Dienst. Damit hat das Land nach den USA die zweitgrößte Nutzergruppe. Auf Twitter forderte Edward Snowden, der das Tor-Netzwerk selbst nutzte, ein Ende der Blockierung.

VPN keine Ausweichmöglichkeit

"Tor ist eine Möglichkeit, sicher und verschlüsselt zu kommunizieren und Informationen auszutauschen", erklärt Lisa Dittmar, Referentin für Internetfreheit bei Reporter ohne Grenzen (RSF). "Es gibt viele gute Gründe, Netzwerke wie Tor aufrechtzuerhalten. Besonders in Ländern wie Russland, wo Journalisten kriminalisiert werden und deren Arbeit lebensgefährlich sein kann. Im russischen Internet hat die Regierung bereits viele Möglichkeiten, zu verfolgen, zu welchen Themen jemand recherchiert und mit wem die Person spricht." Daher unterstütze RSF mit finanziellen Mitteln den Betrieb zweier Tor-Server.

Zwar seien VPN-Dienste eine Alternative zum Tor-Netzwerk, sagt Dittmar - jedoch sei bei diesen die Offenlegung der Identität gegenüber dem VPN-Betreiber ein Problem: "Der sieht und speichert, was der Nutzer macht. Es besteht die Gefahr, dass sich VPN-Betreiber staatlichen Forderungen beugt und die Nutzerdaten weitergibt. Das ist ein reales Problem in Russland." Tatsächlich sperrte Roskomnadsor parallel zur Blockade des Tor-Netzwerks eine Vielzahl an VPN-Diensten.

Roskomnadsor blockiert IP-Adressen

Tor, Abkürzung für "The Onion Router", funktioniert wie eine Zwiebel: Der Browser leitet den Internetverkehr mehrfach um, sodass nicht mehr klar ist, von wem eine Nachricht kommt und an wen sie geht. Jede Umleitung stellt eine Zwiebelschicht dar, die sich über die Identität des Senders legt.

Da das Tor-Netzwerk aber ein öffentliches Netzwerk ist und die IP-Adressen aller Tor-Portale öffentlich gelistet sind, ist es relativ einfach, direkte Tor-Verbindungen zu blockieren. Die russische Regierung versucht nun zu unterbinden, dass die Menschen in Russland überhaupt Kontakt mit einem dieser Tor-Portale aufnehmen können.

Um die aktuelle Blockade zu umgehen, sind die Internet-Aktivisten rund um das Tor-Projekt dazu übergegangen, sogenannte Bridges, Brücken, zu erstellen - das sind nicht öffentliche IP-Adressen. Sie dienen als alternative Portale zum Tor-Netzwerk und sind schwieriger zu blockieren.

Auf dem Weg ins "souveräne Runet"

Doch Roskomnadsor ist den Aktivisten bereits auf den Fersen: "Wir haben Beweise dafür gefunden, dass die russische Regierung nicht nur die öffentlichen IP-Adressen im Tor-Netzwerk blockiert, sondern auch die nicht-öffentlichen", erklärt Gustavo Gus, der beim Tor-Projekt den Community-Bereicht leitet. "Das bedeutet, die russische Regierung setzt Zensurtechnologien in Form von Deep-Package-Inspection-Systemen (DPI) ein. Provider werden dazu verpflichtet, diese Systeme einzubauen. Sie analysieren Datenpakete nach vorher festgelegten Kriterien, blockieren oder verlangsamen die Übertragung."

Stanislav Shakirov, technischer Direktor von RosKomSvoboda, sieht darin ein "typisches" Vorgehen der Behörde, wie er sagt: Sie gehe in kleinen Schritten vor, teste die Blockierung, beobachte, was passiert. Neben den technischen Erkenntnissen habe Roskomonadsor aber auch gesehen, dass viele Menschen bereit seien, ihr Recht zur Tor-Nutzung zu verteidigen.

Dennoch, ist Shakirov überzeugt, beginne die Regierung jetzt Schritt für Schritt, das russische Internet vom Rest der Welt zu isolieren - und schaffe sich stetig ein "souveränes russisches Internet".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "@mediasres" am 02. November 2017 um 15:35 Uhr.