Die belarusische Sprinterin Kristina Timanowskaja | AFP

Belarusische Leichtathletin Timanowskaja fordert Ermittlungen gegen Trainer

Stand: 03.08.2021 13:46 Uhr

Die belarusische Sprinterin Timanowskaja hat sich erstmals selbst zu Wort gemeldet. Ihr sei klar gemacht worden, dass sie in ihrer Heimat hart bestraft würde, sagte sie. Nun hoffe sie, dass gegen ihren Cheftrainer ermittelt werde.

Die um ihren Olympia-Start gebrachte Sprinterin Kristina Timanowskaja hat Ermittlungen gegen den belarusischen Cheftrainer und eine mögliche Bestrafung gefordert. Sie erwarte von den Sportbehörden, die Situation zu untersuchen. "Wer hat die Anweisung gegeben, wer hat wirklich die Entscheidung getroffen, dass ich nicht mehr teilnehmen darf", sagte die 24-Jährige der Nachrichtenagentur AP.

Timanowskaja hatte auf ihrem Instagram-Account kritisiert, dass sie für ihr Land in der 4x400-Meter-Staffel antreten sollte, obwohl sie diese Strecke im Wettkampf nie gelaufen sei. Im 200-Meter-Lauf am Montag durfte sie daraufhin nicht antreten und sollte nach eigenem Bekunden gegen ihren Willen zurück nach Belarus gebracht werden.

"Wenig verschleierte Hinweise"

Die Athletin hatte sich am Flughafen Haneda an die japanische Polizei gewendet, als sie mutmaßlich zur Heimreise nach Minsk gezwungen werden sollte. "Sie haben mir klar gemacht, dass ich bei meiner Rückkehr definitiv eine Art der Bestrafung erhalten werde", sagte Timanowskaja - etwa ein Rauswurf aus dem Nationalteam. "Und es gab auch wenig verschleierte Hinweise, dass mir noch mehr drohen würde." Sie wünsche sich nun eine sichere Ankunft in Europa, um sich mit ihren Helfern über die nächsten Schritte zu beraten.

Timanowskaja erhielt inzwischen in der polnischen Botschaft in Tokio ein humanitäres Visum und soll in Kürze nach Warschau ausreisen. "Ich würde sehr gern meine sportliche Laufbahn fortsetzen, weil ich erst 24 bin und Pläne für mindestens zwei weitere Olympische Spiele hatte", sagte sie. Im Moment aber sorge sie sich nur um ihre Sicherheit.

IOC leitet Untersuchung ein

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) leitete eine förmliche Untersuchung in dem Fall ein. "Wir müssen alle Tatsachen feststellen und alle Beteiligten anhören, bevor wir weitere Maßnahmen ergreifen", sagte Sprecher Mark Adams. Im Laufe des Tages erwarte das Komitee zudem einen Bericht des belarusischen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) zu den Vorwürfen der Sprinterin.

"Wir müssen die Fakten ermitteln", sagte Adams. Das IOC müsse in dem Fall "alle Beteiligten anhören". Sportler-Bündnisse wie Athleten Deutschland und Global Athlete hatten eine Sperre für das NOK von Belarus gefordert. Der mutmaßliche Versuch, Timanowskaja zu entführen, sei ein "weiteres Beispiel für den alarmierenden Missbrauch von Sportlern in Belarus". 

Polen kritisiert "kriminellen Entführungsversuch"

Der Fall stieß international auf große Kritik. Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki forderte Konsequenzen für die Führung in Minsk. Er sprach von einem "kriminellen Versuch, eine Sportlerin zu entführen, die kritisch gegenüber dem belarusischen Regime eingestellt ist". Die "Aggression der belarusischen Sicherheitsdienste auf japanischem Gebiet" müsse auf "entschiedenen Widerspruch der internationalen Gemeinschaft stoßen", forderte der Regierungschef in einem Facebook-Beitrag.

Morawiecki mahnte an, dass die Olympischen Spiele ein Symbol des Friedens und des Fairplays sein sollten. Man sei bereit, Timanowskaja die Möglichkeit zu geben, ihre sportliche Karriere fortzusetzen, betonte er.

US-Außenminister Antony Blinken warf dem belarusischen Präsidenten Alexander Lukaschenko einen "Akt transnationaler Unterdrückung" vor. Das belarusische Vorgehen verstoße gegen "den olympischen Geist", twitterte er. Die US-Botschafterin für Belarus, Julie Fisher, dankte den japanischen und polnischen Behörden. Timanowskaja könne sich mit ihrer Hilfe den "Versuchen des Lukaschenko-Regimes entziehen", sie "zu diskreditieren und zu demütigen, weil sie ihre Meinung geäußert hat", schrieb Fisher bei Twitter. Auch das Auswärtige Amt und die EU-Kommission verurteilten das belarusische Vorgehen scharf.

Drohung an Olympia-Teilnehmer

Der seit fast drei Jahrzehnten herrschende Lukaschenko war nach der von massiven Betrugsvorwürfen überschatteten Präsidentschaftswahl vor einem Jahr zum Sieger erklärt worden. Kritiker gehen davon aus, dass in Wirklichkeit seine Rivalin Swetlana Tichanowskaja die meisten Stimmen erhalten hatte. Nach der Wahl hatte es in Belarus beispiellose Massenproteste gegeben, die von den Behörden brutal niedergeschlagen wurden. Die EU verhängte wegen des Vorgehens der Behörden und des mutmaßlichen Wahlbetrugs Sanktionen gegen die Führung in Minsk.

Lukaschenko und sein Sohn Viktor sind als Zuschauer von den olympischen Wettkämpfen ausgeschlossen. Vor Beginn der Spiele hatte der Machthaber eine Drohung an die Olympia-Teilnehmer seines Landes gerichtet und Erfolge angemahnt. "Wenn ihr ohne etwas zurückkommt, ist es besser für euch, wenn ihr gar nicht zurückkommt", sagte er. Timanowskaja war eine von mehr als 2000 belarusischen Sport-Größen, die in einem offenen Brief Neuwahlen in ihrem Heimatland und die Freilassung politischer Gefangener gefordert hatten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. August 2021 um 22:35 Uhr und Deutschlandfunk am 03.August 2021 um 14:00 Uhr.