Bauamts-Chef Robert Czetmeyer. | Danko Handrick

Historische Stätte Theresienstadt droht zu verfallen

Stand: 21.05.2021 05:00 Uhr

Das ehemalige Ghetto Theresienstadt ist Tschechiens wichtigste Holocaust-Gedenkstätte. Doch weil die Gelder knapp sind, verfallen viele Gebäude - und die Stadt Terezín kämpft um ihre Erinnerungskultur.

Von Danko Handrick, ARD-Studio Prag

Robert Czetmayer klingt hilflos: Noch ein, zwei Jahre - dann werde der mächtige Komplex der Großen Infanteriekaserne in Theresienstadt gar nicht mehr zu retten sein, klagt der Chef des Bauamtes der Stadt. Im Dach klafft seit Jahren eine mächtige Lücke, die kräftigen Holzbalken sind bis in den Innenhof gestürzt, inzwischen brechen auch die Mauern aus. Dabei ist auch Czetmayer der historische Wert der Kaserne bewusst: Sie gehört zu den größten und ältesten Gebäuden Terezíns - und spielte ein Rolle auch in den dunkelsten Jahren, als die Stadt den NS-Machthabern als jüdisches Ghetto diente.

Danko Handrick ARD-Studio Prag

Auf dem Kasernenhof, auf dem Czetmayer steht, wurde 1944 das Fußballspiel für den NS-Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" inszeniert. Der Film gaukelte blühendes, zufriedenes Leben in der Stadt vor. In Wirklichkeit wurden zwischen 1941 und 45 rund 150.000 Juden durch Theresienstadt in Richtung Osten geschleust. Rund 35.000 von ihnen fanden schon hier den Tod - durch erbärmliche Bedingungen, mangelnde Ernährung und fehlende medizinische Versorgung.

Heute ist Terezin eine verlassen wirkende Kleinstadt, die mit der Last der eigenen Geschichte kämpft. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Stadt von Kaiser Joseph II. als Festungsanlage zum Schutz Prags gegen Preußen planmäßig angelegt. Das Militär blieb bis Ende der 1990er Jahre. Dann wurde die Garnison geschlossen, Terezín verlor drei Viertel der Einwohner. Gerade einmal 2000 Menschen leben heute noch hier, die Stadt liegt in einem bleiernen Schlaf, kann sich nicht aus eigener Kraft um das ausgedehnte Erbe kümmern. Viele der steinernen Zeugen verfallen.

"Ein Stück Geschichte würde verlorengehen"

In der vorgelagerten so genannten Kleinen Festung, dem ehemaligen Gestapo-Gefängnis, hat Jan Roubinek sein Büro. Er leitet die Gedenkstätte Theresienstadt. Sie pflegt das Gedenken an die Opfer, den symbolischen Ehrenfriedhof, kümmert sich um mehrere Ausstellungen und rund 300.000 Besucher jährlich, hält die Erinnerung an die Schrecken des Ghettos wach. Doch die Geschichte lasse sich hier nicht in ein Museum sperren, sagt Roubinek.

Jan Roubinek vor eingestürzten Dachstuhl eines Gebäudes. | Danko Handrick

Jan Roubinek leitet die Gedenkstätte Theresienstadt. Bild: Danko Handrick

"Ganz Theresienstadt - nicht nur die Gebäude, die zur Gedenkstätte gehören - ist Teil dieser Geschichte. Bei der Infanterie-Kaserne ist schon das Dach zusammengebrochen. Ich will mir die Möglichkeit gar nicht eingestehen, dass wir das gesamte Gebäude verlieren könnten", sagt er. "Denn mit ihr würde auch ein Stück der Geschichte der Festungsstadt und des Ghettos für immer verloren gehen."

Immer wieder sind Besucher überrascht, dass sie kein stacheldrahtumzäuntes Barackenlager vorfinden, dass die Stadt selbst das Lager war. In den rechtwinklig angelegten Straßen erinnern bis heute zahlreiche Spuren und Aufschriften an die Jahre des Ghettos. Es diese vielschichtige Vergangenheit, mit der die Kommune heute zurechtkommen muss, die sie bewahren muss.

Bauamts-Chef hebt Parks hervor

Bauamtchef Czetmeyer ist unterwegs in den rechtwinkligen Gassen. Nur ein paar Blöcke sind es von der Großen Infanteriekaserne zum Palais Wieser, dem prächtigsten Bau der Stadt. Während der Ghettojahre hatte hier das Gendarmeriekommando seinen Sitz, zuletzt diente es dem tschechischen Militär als Offizierskasino.

Stolz präsentiert Czetmayer die gerade abgeschlossene Renovierung: das einst heruntergekommene Gebäude ist wieder ein Schmuckstück. Ein Zeichen, dass es geht, auch dank europäischer Gelder.

"Wir bemühen uns, die Stadt zu einem lebenswerten Ort zu machen. Heute gibt es hier überall Parks - viele Städte können so etwas nicht bieten", hebt er hervor. "Die Festung umgibt uns zwar, aber sie zwängt uns nicht ein. Und wir rekonstruieren auch die Festungsbauten. Der Tourismus wird immer bedeutender, bringt viel mehr Leben in die Stadt."

Ein restauriertes Gebäude in Terezin. | picture alliance/dpa/CTK

Ein restauriertes Gebäude in Terezin. Bild: picture alliance/dpa/CTK

Der Eigenanteil überfordert die Stadt

Czetmayer hofft, dass es bald weiter vorangeht - für die Große Infanteriekaserne, aber auch für vier weitere stark vom Verfall bedrohte historische Militärobjekte in der Stadt.

Fördertöpfe gebe es, sagt er. Das Problem für die Stadt sei aber der geforderte Eigenanteil: Gerade einmal 200.000 Euro stehen im Haushalt jährlich zu Verfügung - für sämtliche Reparaturen in der gesamten Stadt.

Terezín allein ist mit seinem baulichen Erbe überfordert. Das weiß auch die tschechische Politik. Quer durch alle Parteien gebe es Unterstützung, erzählt Czetmayer - aber schränkt ein: "Oft sind es leider nur Lippenbekenntnisse. Wenn es um Taten geht, wenn es darum geht, dass wir finanzielle Unterstützung bekommen, sieht es ganz anders aus."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Januar 2021 um 19:44 Uhr.