Der Internationale Flughafen Scheremetjewo in Moskau | picture alliance/dpa/TASS

Teilmobilmachung in Russland Hohe Nachfrage nach One-Way-Tickets

Stand: 21.09.2022 14:50 Uhr

Die Verkündung der Teilmobilmachung sorgt in Russland für Unruhe. Reservisten dürfen laut Gesetz ihre Wohnorte nun nicht mehr verlassen. Internet-Auswertungen deuten daraufhin, dass viele Menschen gerade jetzt erwägen, auszureisen.

Die Ansprache des russischen Präsidenten war bereits für gestern Abend angekündigt gewesen - doch erst heute früh verkündete Wladimir Putin in einer vom Fernsehen übertragenen Rede seine jüngste Entscheidung im Krieg gegen die Ukraine: eine Teilmobilmachung der Streitkräfte, die ab sofort greife. Rund 300.000 Reservisten sollen eingezogen werden, um die bislang in der Ukraine kämpfenden Vertragssoldaten zu unterstützen.

Die Verantwortung für die Organisation der Einberufung liegt bei den regionalen Gouverneuren und den einzelnen Kreiswehrersatzämtern vor Ort. Wehrpflichtige und Studenten seien von der Teilmobilmachung nicht betroffen, ergänzte Verteidigungsminister Sergej Schoigu, sondern ausschließlich Reservisten mit Kampf- und Diensterfahrung. Insgesamt gebe es 25 Millionen Reservisten in Russland, sagte der Minister.

Die neue Entwicklung in der russischen "Spezialoperation" gegen die Ukraine lässt den Krieg näher in das Bewusstsein vieler Russen rücken. Denn ab sofort müssen sich Russen im wehrpflichtigen Alter laut Gesetz an ihren Wohnorten aufhalten. "Bürgern, die (als Reservisten) im Militärregister erfasst sind, ist ab dem Moment der Mobilisierung das Verlassen des Wohnorts ohne Genehmigung der Militärkommissariate und der für Reserven zuständigen Exekutivorgane verboten", heißt es in dem seit Mittwoch wieder aktuellen Gesetz "Über die Mobilmachung in Russland".

"Erholen Sie sich lieber auf der Krim"

Laut dem Leiter des Verteidigungsausschusses in der Duma, Andrej Kartapolow, betrifft die Einschränkung der Reisefreiheit vor allem Auslandsurlaube. "Sie können weiter ruhig auf Dienstreise nach Krasnodar oder Omsk fahren, aber ich würde Ihnen nicht raten, in türkische Kurorte zu fahren - erholen Sie sich lieber in den Badeorten der Krim und des Gebiets Krasnodar", sagte der Abgeordnete.

Große Nachfrage nach One-Way-Tickets

Viele Russen wollen aber offenbar nun genau das: das Land verlassen. Internet-Daten zufolge wächst die Nachfrage nach One-Way-Flügen rasant. Statistiken von Google Trends zeigten einen sprunghaften Anstieg der Suchanfragen nach Aviasales, der beliebtesten russischen Website für den Kauf von Flügen. Direktflüge von Moskau nach Istanbul und Eriwan in Armenien - beides Ziele, die Russen eine visumfreie Einreise ermöglichen - sind laut Aviasales momentan ausverkauft. Einige Strecken mit Zwischenstopps, darunter die von Moskau nach Tiflis, waren ebenfalls nicht verfügbar.

Die billigsten Flüge von der Hauptstadt nach Dubai kosteten mehr als 300.000 Rubel (umgerechnet knapp 5000 Euro) - etwa das Fünffache des durchschnittlichen russischen Monatslohns.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wollte sich vor Journalisten nicht zu der Möglichkeit von Grenzschließungen äußern, möglicherweise um zu verhindern, dass sich Bürger der Einberufung entziehen.

Aufruf zu Protesten

Russlands Opposition ruft derweil zu Protesten gegen die Teilmobilmachung auf. "Tausende russische Männer - unsere Väter, Brüder und Ehemänner - werden in den Fleischwolf des Krieges geworfen", teilt die Antikriegsbewegung Wesna mit. Sie appelliert an die Russen, in großen Städten heute auf die Straßen zu gehen.

Putins wohl bekanntester Gegner, Alexej Nawalny, meldete sich aus dem Gefängnis zu Wort. In einer von seinen Anwälten aufgenommenen und veröffentlichten Videobtschaft sagt er: "Es ist klar, dass dieser kriminelle Krieg schlimmer wird, intensiver, und Putin versucht, so viele wie nur irgend möglich hineinzuziehen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. September 2022 um 14:00 Uhr.