Andrian Chromow
Europamagazin

Russland Der Postbote in der Taiga

Stand: 18.12.2021 08:47 Uhr

Einmal im Monat macht sich Andrian Cromow auf den Weg durch die Taiga - und bringt den Einwohnern Post, Rente und Waren in ihre Dörfer. Aber auch im entlegenen Teil Sibiriens sind die Probleme der Gegenwart nicht weit weg.

Von Jo Angerer, ARD-Studio Moskau

Katschug in Sibirien, rund 4000 Kilometer von Moskau entfernt, ist der letzte Außenposten der Zivilisation: Hier gibt es noch elektrischen Strom und Handy-Empfang. Von dort aus bringt Andrian Chromow einmal pro Monat Post, Rentenzahlungen und vieles mehr zu den entlegenen Dörfern in der russischen Taiga bringt. Dorthin, wo die Menschen auf sich selbst gestellt sind.

Jo Angerer ARD-Studio Moskau

Diesmal macht sich Chromow Sorgen um das Wetter. Der Klimawandel ist in Sibirien spürbar, für die Jahreszeit ist es viel zu warm. "Wir hatten eine ganze Woche bei minus 22 Grad", sagt er. "Und einige Fischer konnten dorthin über die zugefrorenen Flüsse fahren. Aber jetzt können sie nicht zurück, weil die Flüsse wieder offen sind. Das Eis ist getaut, weil das Wetter wieder wärmer wurde."

"Bringt alles, nach dem ich frage"

Von Katschug aus fährt der Postbote mit seinem uralten Armee-Jeep aus Sowjetzeiten nach Tyrka, seinem ersten Ziel. Die wenigen Menschen dort leben von der Jagd und vom Fischfang. 18 Stunden wird er dafür brauchen. Eine mühevolle Reise. Mitten in der Nacht ist der Weg durch Baumstämme blockiert, er muss eine Schneise durch den Wald schlagen, um Tyrka zu erreichen.

Auch im Nachbardorf Tschinonga bringt Chromow die Post und, vor allem, die Rente. Für Nadia Karnakowa ist er die letzte Verbindung zur Außenwelt: "Andrian bringt mir Medikamente. Und alles, nach dem ich frage. Er sagt niemals Nein. Bringt einfach alles. Ja, das ist unser Postbote!"

Andrian Chromow.

Andrian Chromow bringt den Menschen, worum sie ihn bitten - das mache ihn glücklich, sagt er.

Karnakowa lebt von rund 50 Euro Rente im Monat. Eigentlich werden die Vareniki, die sie heute macht, mit Hackfleisch gefüllt. Doch das wäre purer Luxus. "Die Füllung ist aus Kartoffeln. Fleisch habe ich, das hat mir ein Jäger gebracht", sagt sie. "Aber das Fleisch hebe ich für das Neujahrsfest auf."

Bittere Armut auch im Nachbarhaus. Doch das sei gar nicht das Problem, meint Nina Skornjakowa: Das Schlimmste sei, dass es keinen Arzt, keinerlei medizinische Versorgung im Dorf gibt. "Wenn jemand schwer krank ist rufen wir den Arzt, der mit dem Hubschrauber kommt. Oder sie sagen: Bringt uns den Patienten! Aber wie können wir einen kranken Menschen transportieren? Vor kurzem hatte hier einer einen Schlaganfall. Wie soll man ihn mit einem Pferd befördern? Nach ein paar Tagen wurde es besser. Aber sein Arm und sein Bein wurden nicht wieder gesund."

Dörfer vom Klimawandel bedroht

Ein hartes Leben inmitten der traumhaften Taiga-Landschaft. Die Existenzgrundlage der Einwohner ist bedroht: durch den Klimawandel und den Raubbau an der Natur. "Das ist der letzte Ort in der Region, wo es noch natürliches Leben gibt", sagt Fjodor Safonow, ein Jäger. "Unser Fluss ist der letzte, wo es noch Fisch gibt. Alles wird immer weniger. Die Wälder werden abgeholzt, für Bauholz, dadurch werden die Flüsse seichter und die Fische verschwinden."

Auf dem Rückweg nach Tyrka sind die Folgen des Klimawandels in Sibirien deutlich sichtbar: Im Sommer brennen hier die Wälder - kilometerlang geht die Fahrt durch verkohlte Baumstümpfe.

Trotz aller Probleme: In Tyrka fühlt sich Andrian Chromow wohl. Hier will er nach seiner Pensionierung leben. Das sei ein Grund, warum er diesen Job mache, sagt er. Ihm gehe es nicht um die paar Rubel, die er dafür bekomme, sondern um das Gefühl, gebraucht zu werden: "Es ist gut zu wissen, dass dich jemand braucht. Die glänzenden Augen zu sehen, wenn du die Rente bringst. Da vergesse ich alle Mühen, wenn ich daran denke, dass ich eine gute Tat für die Leute getan habe."

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 19.12.2021 um 12.45 Uhr im "Europamagazin".

Über dieses Thema berichtete das Erste am 19. Dezember 2021 um 12:45 Uhr im Europamagazin.