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Interview

Britischer Politologe Glees "Sunak tut mir aufrichtig leid"

Stand: 25.10.2022 16:22 Uhr

Der neue britische Premier Sunak habe einen schwierigen Start unter enormem Erfolgsdruck, meint Experte Glees im Interview. Auf Stabilität und "Mitleid" beim immer härteren Vollzug des Brexit zu setzen, sei da eher ungeschickt.

"Es scheint nicht sehr gut zu sein, gerade Premierminister Großbritanniens und Führer der Tories zu sein", stellt der britische Politologe Anthony Glees mit Blick auf die häufigen Führungswechsel binnen weniger Monate fest. Er meint im tagesschau24-Interview: Einen Neuanfang der Partei, wie ihn Rishi Sunak versuche, anzudeuten, werde mit denselben Leuten wohl "sehr, sehr schwierig" sein.

Sunak habe in seiner Antrittsrede "Stabilität, nicht Wachstum" als Maxime seiner Finanzpolitik angekündigt und "Mitleid mit der Bevölkerung" in Aussicht gestellt - zwei Aussagen, die den Experten skeptisch stimmen.

Stabilität bedeute, die Fehler von Ex-Premierministerin Liz Truss und ihrem ehemaligen Finanzminister Kwasi Kwarteng, die zu massiven Turbulenzen an den Finanzmärkte und einem Absturz des Pfundes geführt hatten, wiedergutzumachen. "Das ist doch unmöglich!", sagt Glees. "Und dann über Mitleid mit der Bevölkerung zu sprechen - im englischen Compassion - das klingt so ein bisschen herabwürdigend."

Boris Johnson ist noch immer präsent

Auf die Frage, ob Ex-Finanzminister Sunak für eine realistischere Haushaltspolitik stehe als seine Amtsvorgängerin Truss, sagt Glees: "Man sagt es von ihm. Ich selber bin skeptisch, denn das große Problem für Großbritannien, über das weder die Tories noch Labour sprechen, ist der Brexit und das, was der Brexit an Schaden den Briten zugefügt hat."

Großbritannien sehe sich Einbrüchen im Bruttoinlandsprodukt und im Handel mittelständischer Unternehmen mit der EU gegenüber, es herrsche Fachkräftemangel, aber zugleich seien Einwanderungsgesetze verschärft worden: "Daraus Wachstum zu bekommen, ist einfach unmöglich", betont Glees. Daran seien schon Boris Johnson und Truss gescheitert.

Wenn Sunak sich nicht eingestehe, dass der Brexit voller Nachteile für Großbritannien sei, gehe er soweit zu sagen: "Sunak wird so schnell gehen wie Truss".

Zwar könnten die Tories nicht in Kürze wieder einen weiteren Premierminister wählen, aber Sunak sei nicht von den Parteimitgliedern gewählt worden. Und dann sei da noch Ex-Premier Boris Johnson, der am Wochenende erklärt hatte, er sei bereit, 2024 zu kandidieren und seine Partei zum Wahlsieg zu führen: "Aus all den Gründen tut mir Herr Sunak aufrichtig leid."

Auf Sicherheit setzen statt auf Brexit-Vollzug

Um die durch den Brexit herbeigeführte Spaltung der Nation und der Partei zu überwinden, bedürfte es laut Glees einer "Politik der sehr kleinen Schritte": Etwa könne Großbritannien in der internationalen Sicherheitspolitik punkten, wo es der Ukraine durch Waffenlieferungen und Geheimdienstinformationen zur Seite steht. Ein zweiter Schritt sei, sich wieder für den EU-Binnenmarkt zu öffnen, so wie es die Tories schon Margaret Thatcher getan hätten, um größeres Wachstum zu erreichen.

Ein immer härterer Vollzug des Brexit laufe dagegen für die Briten inzwischen hinaus auf "die Wahl zwischen Essen und Heizen. Dafür hat niemand in Großbritannien gestimmt! Die Versprechungen sind nicht eingehalten worden", sagt der Gegenwartshistoriker. Meinungsumfragen zeigten, dass die Briten mit überwiegender Mehrheit Truss Amtszeit ein vernichtendes Zeugnis ausstellten - eine verheerende Bilanz mit Blick auf mögliche Wahlen: "Wenn man an die Urnen geht, dann wird die Tory-Partei vernichtet - wenn Sunak nicht Erfolg hat."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. Oktober 2022 um 14:00 Uhr.