Der Absturzort der Gondel am Monta Mottarone | EPA

Nach Seilbahnunglück in Italien Familie streitet um überlebenden Jungen

Stand: 13.09.2021 16:30 Uhr

Der sechsjährige Eitan überlebte als Einziger das Seilbahnunglück am Lago Maggiore - nun streiten sich Angehörige um den Jungen. Die italienischen Behörden ermitteln sogar wegen Kindesentführung.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Heute sollte Eitans erster Schultag sein, in einer Grundschule in Pavia in Norditalien. Dort, wo sich seine Tante Aya Biran um ihn kümmert, seit der sechs Jahre alte Junge im Mai als einziger das Seilbahnunglück am Lago Maggiore überlebte. Jetzt aber ist Eitans Tante in Tränen aufgelöst: "Eitan ist nicht nach Hause zurückgekehrt. Er ist nicht zurückgekehrt! Seine Cousinen hatten ihn zum Abendessen erwartet."

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Zu diesem Zeitpunkt saß der Junge offenbar schon in einem Flugzeug Richtung Israel. Die italienischen Behörden ermitteln wegen Kindesentführung. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines erbitterten Familienstreits um den nach dem Seilbahnabsturz traumatisierten Eitan, der bei dem Unglück am Mottarone-Berg seine Eltern, seinen Bruder und zwei Urgroßeltern verlor.

Das gerissenen Zugseil liegt in der Trasse der Seilbahn von Stresa | EPA

Eitans Eltern, sein Bruder und elf weitere Menschen kamen am Pfingstsonntag ums Leben, als an der Seilbahn am Monte Mottarone ein Zugseil riss. Bild: EPA

Erbitterter Streit um den traumatisierten Jungen

Im aktuellen Konflikt stehen auf der einen Seite die Angehörigen des Vaters, der sich zu einem Medizinstudium in Italien entschlossen hatte, weil er Israel hinter sich lassen wollte. Auf der anderen Seite stehen die Angehörigen der Mutter, die in Israel leben.

Nach dem Unglück hatte ein Familiengericht in Turin Eitans Tante Aya Biran, der Schwester des verstorbenen Vaters, die als Ärztin in Pavia arbeitet, das Sorgerecht zugesprochen. Sie ist nach eigenen Angaben an seiner Seite, seitdem Eitan im Krankenhaus aus dem Koma erwacht ist. "Ich kann niemals die Mama von Eitan ersetzen. Aber ich bin für ihn da. Ich bin da und an seinem Bett, wenn er seine Alpträume hat", sagt sie.

Großvater brachte Eitan im Privatflugzeug nach Israel

Eitans Weg nach Israel am Wochenende gleicht einem Krimi. Der Großvater mütterlicherseits, Shmuel Peleg, hatte Eitan am späten Vormittag abgeholt. Peleg lebt in Israel, hielt sich aber nach italienischen Medienabgaben seit dem Seilbahnunglück fast permanent in einem Hotel in Italien auf. Schon häufiger in der Vergangenheit, bestätigt Eitans Tante, habe der Großvater den Jungen abgeholt, um mit ihm ein paar Stunden zu verbringen. Diesmal hatte er Eitan versprochen, Spielzeug für ihn zu kaufen.

Stattdessen, so haben es die italienischen Ermittler rekonstruiert, fuhr der Großvater mit ihm in einem Auto in die Schweiz. Dort sei er in Lugano gemeinsam mit dem Jungen in ein Privatflugzeug gestiegen und nach Tel Aviv geflogen.

Tante: "Haben Eitan nicht entführt"

In Israel wehren sich die Angehörigen gegen den Vorwurf, sie hätten Eitan gekidnappt. Seine Tante mütterlicherseits, Gali Peled, sagte einem Radiosender: "Wir haben Eitan nicht entführt. Wir brachten ihn zurück nach Hause. Wir sahen uns gezwungen, diesen Schritt zu gehen, da wir überhaupt keine Informationen über seinen gesundheitlichen oder seelischen Zustand erhielten. Uns wurden kaum Treffen mit ihm ermöglicht. Wenn, waren es kurze Treffen, die nur nach einer Genehmigung der Richterin stattfanden."

Die israelischen Behörden aber sind offensichtlich nicht bereit, sich dieser Lesart anzuschließen. Im Fernsehsender "Channel 12 News" hieß es: Juristen des Außen- und des Justizministeriums seien zu der Einschätzung gelangt, der Großvater habe sich der Kindesentführung schuldig gemacht - weil er den Jungen gegen den Willen seiner gesetzlich Erziehungsberechtigten nach Israel brachte.

Aya Biran will Eitan zurück nach Italien holen

Eitans Tante Aya Biran in Italien sagte: Sie hoffe, die Zusammenarbeit der italienischen und israelischen Behörden führe dazu, dass Eitan bald nach Hause - nach Italien - zurückkehren könne. Dort soll er zur Schule gehen und weiter medizinisch-psychologisch betreut werden. Damit er irgendwann das Trauma des Gondelabsturzes und auch des jetzigen Familienstreits überwinden kann.

Dieser Beitrag lief am 13. September 2021 um 17:50 Uhr auf B5 Aktuell.