Frank-Walter Steinmeier

Bundespräsident in der Ukraine Steinmeier erinnert an Kriegsverbrechen

Stand: 06.10.2021 13:40 Uhr

Als Deutschland im Zweiten Weltkrieg die Sowjetunion überfiel, erschossen die Nationalsozialisten Millionen Menschen direkt in ihrem Wohnort. Bundespräsident Steinmeier hat heute der Opfer gedacht und vor einem Vergessen gewarnt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in der Ukraine an die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg erinnert. Dabei rief er zu einem intensiveren Gedenken an die vergessenen Gräueltaten im Osten Europas auf.

"Die Orte nationalsozialistischer Verbrechen in der Ukraine sind auf der Landkarte unserer Erinnerungen kaum verzeichnet", sagte Steinmeier nach dem Besuch zweier Gedenkstätten im Ort Korjukiwka nördlich von Kiew.

"Erinnerung ist nicht nur wichtig, um sich der Ereignisse zu erinnern, sondern auch wichtig, um den Toten einen Namen zu geben", so Steinmeier. Die "blinden Flecken unserer Erinnerung" müssten ausgeleuchtet werden. "Wir müssen ein gemeinsames Interesse mit den Ukrainern daran haben, unsere Erinnerung zu schärfen", sagte der Bundespräsident.

27 Millionen Tote in der Sowjetunion

Vor mehr als 80 Jahren - am 22. Juni 1941 - überfiel Deutschland im Zweiten Weltkrieg die Sowjetunion. Das kommunistische Land verzeichnete mit 27 Millionen Toten die größte Zahl an Opfern in Europa.

Als einen der vergessenen Orte nannte Steinmeier Korjukiwka, wo innerhalb von zwei Tagen rund 6700 Männer, Frauen und Kinder der größten und brutalsten Strafaktion des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fielen. Der Ort liegt knapp 180 Kilometer nordöstlich von Kiew im Gebiet Tschernihiw, etwa 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt.

Babyn Jar: Größtes Massengrab in Europa

Im Anschluss sprach Steinmeier auf einer Gedenkveranstaltung in Babyn Jar. Am 29. und 30. September 1941 erschossen deutsche Einsatztruppen in der Schlucht bei Kiew innerhalb von 36 Stunden 33.771 Juden. Frauen, Männer, Kinder, Alte. Akribisch gezählt - und in Berichten festgehalten. Ein Verbrechen, von dem in Deutschland nur wenige wissen.

Bis zur Befreiung der ukrainischen Hauptstadt durch die Rote Armee im November 1943 wurden in Babyn Jar rund 100.000 Menschen ermordet. Um die Spuren der Massenhinrichtungen zu beseitigen, ließen die Nazis vor ihrem Rückzug die Leichen ausgraben und verbrennen. Die Schlucht gilt als das größte Massengrab Europas.

Wenn vom Holocaust die Rede sei, erklärt Ruslan Kawatsjuk vom Gedenkzentrum Babyn Jar, dann würden die meisten Menschen an Konzentrationslager denken. An Vernichtungslager wie Auschwitz. "Leider ist kaum bekannt, dass die Hälfte der Opfer des Holocaust in Osteuropa nicht in Lagern, sondern direkt am Wohnort starb. Sie wurden erschossen, so wie in Babyn Jar."

"Holocaust durch Kugeln"

Es sei "ein schwerer Weg, als Bundespräsident nach Babyn Jar zu kommen", sagte Steinmeier. Als Teil des deutschen Vernichtungskriegs im Osten Europas seien "bestialische Verbrechen und Gräueltaten" verübt worden, für die er nur schwer Worte finde. Er sprach von "unsagbarer Trauer und Scham". Viel zu lange sei der "Holocaust durch Kugeln" in seinem unfassbaren Ausmaß nicht angemessen wahrgenommen worden.

2016 war der Bau einer Holocaust-Gedenkstätte in Babyn Jar zur Erinnerung an die 2,5 Millionen ermordeten Juden in Osteuropa angekündigt worden. Wann die Arbeiten beginnen, ist allerdings unklar. In der Ukraine ist das Vorhaben umstritten. Nationalistische Kreise werfen dem Projekt vordergründig wegen russischer Geldgeber eine zu große Nähe zum Nachbarland vor. Sie befürchten, dass der Beteiligung von ukrainischen Helfern am Holocaust zu viel Raum gegeben werde.


Mit Informationen von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Oktober 2021 um 08:00 Uhr.