Menschen betrachten eine Kunstinstallation zum Gedenken an die Opfer des Massakers von Babyn Jar 1941 in der Nähe der Weiberschlucht.  | dpa

Weltkriegsverbrechen in der Ukraine Steinmeier gedenkt Massakers von Babyn Jar

Stand: 06.10.2021 03:22 Uhr

Vor 80 Jahren ermordeten SS-Einheiten in weniger als 36 Stunden mehr als 33.000 Juden in einer Schlucht nahe Kiew. Heute wird Bundespräsident Steinmeier in der Ukraine der Opfer gedenken. Derweil gibt es Streit um ein Museum.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Wenn vom Holocaust die Rede sei, erklärt Ruslan Kawatsjuk vom Gedenkzentrum Babyn Jar, dann würden die meisten Menschen an Konzentrationslager denken. An Vernichtungslager wie Auschwitz.

Leider ist kaum bekannt, dass die Hälfte der Opfer des Holocaust in Osteuropa nicht in Lagern, sondern direkt am Wohnort starb. Sie wurden erschossen, so wie in Babyn Jar.
Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Innerhalb von 36 Stunden erschoss die SS am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht bei Kiew 33.771 Juden. Frauen, Männer, Kinder, Alte. Akribisch gezählt - und in Berichten festgehalten. Ein Holocaust durch Kugeln - perfide getarnt als Umsiedlung. Ein monströs-effizient geplantes Verbrechen, von dem in Deutschland nur wenige wissen. Einer von vielen blinden Flecken in der öffentlichen deutschen Erinnerungskultur.

Steinmeier will Blick auf Vernichtungskrieg lenken

"Oder wer weiß von Korjukiwka, in der Nordukraine, wo innerhalb von zwei Tagen über 6700 Frauen, Männer und Kinder der größten und brutalsten Strafaktion des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fielen?", fragte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion.

Mit seinem Besuch heute in Korjukiwka und in Babyn Jar will er den Blick lenken auf den unmenschlichen, kaum in Worte zu fassenden Vernichtungskrieg der Deutschen im Osten. Auf die 27 Millionen Opfer, die die Völker der Sowjetunion zu beklagen hatten. Unter ihnen 14 Millionen Zivilisten. Rund 100.000 Menschen, schätzen Historiker, wurden über die Jahre allein in der Schlucht von Babyn Jar hingerichtet: neben Juden, auch Sinti und Roma, Kriegsgefangene, psychisch Kranke und Priester. Um die Spuren der Massenhinrichtungen zu beseitigen, ließen die Nazis vor ihrem Rückzug die Leichen ausgraben und verbrennen.

Verordnetes Vergessen

Dem Vertuschen folgte verordnetes Vergessen. Die sowjetische Führung entschied, in die Schlucht Schlamm benachbarter Ziegelwerke einzuleiten, um sie einzuebnen. Um Platz zu schaffen für die wachsende Stadt. Für Wohnblocks und einen Kultur- und Erholungspark.

Heute erinnern rund drei Dutzend Denkmäler an die Opfer von Babyn Jar. Darunter ein siebenarmiger Leuchter, ein Roma-Wagen und ein kleines Mädchen. Monumentales neben modernen Kunstinstallationen. Fragmentiertes Gedenken, das wie ein Sinnbild wirkt für die schwierige Suche nach einer Erinnerungskultur.

"Wir haben kein Recht, zu vergessen und werden nicht vergessen, sondern der Opfer gedenken. Für die Ukraine ist es äußerst wichtig, würdig und auf höchster Ebene alle Opfer dieser Tragödie zu ehren", hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Juli auf einer Konferenz noch einmal mal betont.

Streit um Gedenkstätte

Über die Frage aber, was würdig und angemessen ist, gibt es weiter hitzige Diskussionen. Denn vieles rührt am nationalen Selbstverständnis und ist längst auch geopolitisch aufgeladen. Weshalb noch immer nicht mit dem Bau eines seit langem geplanten Museums in Babyn Jar begonnen wurde. Einer Gedenkstätte, die zum 80. Jahrestag eigentlich hätte eröffnet werden sollen.

All das soll heute Abend aber in den Hintergrund treten. Bei der zentralen Gedenkzeremonie, an der Präsident Selenskyj, der israelische Präsident Herzog und Bundespräsident Steinmeier teilnehmen, soll es um das Wesentliche gehen: die Erinnerung an die Opfer monströser Verbrechen deutscher Sondereinheiten und Soldaten im Zweiten Weltkrieg.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Oktober 2021 um 08:00 Uhr.