Keir Stamer (m.) beim Parteitag der britischen Labour-Partei. | REUTERS

Parteitagsrede von Starmer Labour im Aufwind

Stand: 27.09.2022 20:44 Uhr

Die britischen Konservativen kommen nicht aus der Kritik - und die Labour-Partei profitiert. Sie ist so beliebt wie seit Jahrzehnten nicht. Parteichef Starmer verspricht, Labour wieder stärker in der Mitte zu verankern.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Noch besser hätte es für Labour gar nicht kommen können. Gerade jetzt, da die konservative Regierung mit ihren schuldenfinanzierten Steuersenkungsversprechen das britische Pfund auf Talfahrt geschickt hat, hält Labour seinen Parteitag ab.

Imke Köhler ARD-Studio London

Das Misstrauen, das die Devisenmärkte der britischen Wirtschafts- und Finanzpolitik entgegenbringen, ist eine Steilvorlage für die Sozialdemokraten, zumal von den Steuersenkungen überwiegend die Spitzenverdiener profitieren werden.

Partei steht so gut da wie seit Jahrzehnten nicht

In einer YouGov-Umfrage für die Zeitung "The Times" liegt Labour aktuell 17 Prozentpunkte vor den Konservativen, das hat es seit Tony Blairs Zeiten vor zwei Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Entsprechend selbstbewusst trat Labour-Chef Keir Starmer in Liverpool ans Rednerpult.

Was wir in den letzten Tagen gesehen haben, ist ohne Beispiel. Die Regierung hat die Kontrolle über die britische Wirtschaft verloren. Sie hat das Pfund zerquetscht. Höhere Zinsen, höhere Inflation, höhere Verschuldung. Und wofür? Nicht für Euch, nicht für die arbeitende Bevölkerung, sondern für Steuersenkungen für jene, die zu dem einen reichsten Prozent unserer Gesellschaft gehören. Vergesst das nicht, vergebt das nicht! Die einzige Möglichkeit, das zu stoppen, ist mit einer Labour-Regierung.

Nach ihrer dramatischen Wahlniederlage bei den Unterhauswahlen vor drei Jahren feiern sich die Labour-Mitglieder nun. Die Stimmung beim Parteitag in Liverpool ist: "Wir sind wieder da!".

Ruck zurück in die Mitte

Starmer will die Partei, die sein Vorgänger Jeremy Corbyn extrem weit nach links gerückt hatte, wieder stärker in der Mitte verankern - und damit dort, wo in der Regel Wahlen gewonnen werden. Starmer machte dies nicht zuletzt mit einer konkreten Formulierung deutlich: Er bezeichnete Labour als den politischen Arm der britischen Bevölkerung.

Diese Formulierung ist mehr als das Versprechen, an der Seite auch der kleinen Leute zu stehen. Es ist eine Formulierung, die 1996 der damalige Labour-Chef Tony Blair benutzte, bevor er wenig später britischer Premierminister wurde. Der Satz ist auch deshalb bezeichnend, weil er als Distanzierung von den Gewerkschaften interpretiert werden kann, denn traditionell hat sich Labour als politischer Arm der Gewerkschaften verstanden.

Starmer nahm sich viel Zeit, um auszubuchstabieren, wie sehr - aus seiner Sicht - die konservativen Regierungen der vergangenen zwölf Jahre die Arbeiterklasse vernachlässigt haben. Er versprach mehr Gerechtigkeit und mehr Chancengleichheit im Land und kündigte zudem an, durch eine grüne Wirtschaftspolitik mehr als eine Million neue Jobs zu schaffen. Labour plant in diesem Zusammenhang, im Falle eines Wahlsiegs, "Great British Energy", eine Gesellschaft für erneuerbare Energien, ins Leben zu rufen, die sich in öffentlicher Hand befinden soll.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. September 2022 um 17:35 Uhr.