"Ich entscheide, wie und wann ich sterbe" steht auf dem Schild, das ein Demonstrant hochhält. | AFP

Sterbehilfe in Spanien Ein selbstbestimmter Tod - mit Gegnern

Stand: 25.06.2021 12:36 Uhr

Seit heute erlaubt Spanien als eines von fünf Ländern weltweit aktive Sterbehilfe. Nach jahrzehntelanger Debatte finden die meisten Spanier das richtig - dennoch könnte es bei der Umsetzung Probleme geben.

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Rafael Botella ist 35 und seit einem Autounfall 2004 querschnittgelähmt. Seit mehr als 15 Jahren sitzt Botella also im Rollstuhl - und er ist froh, dass das Gesetz zur aktiven Sterbehilfe in Spanien jetzt in Kraft tritt: "Wenn ich mir das Leben nehmen wollte, hätte ich das bisher nicht gekonnt, weil ich mich nicht bewegen kann", sagt er. "Ich hätte jemanden um Hilfe bitten müssen."

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

Und das war bis heute nicht erlaubt, sagt Botella per Videoschalte. Er liegt in seinem Bett, den Computer bedient er über einen Mauszeiger, den er mit Kopfbewegungen steuern kann. Botella will nicht sterben. Nicht jetzt. Aber er findet, dass er ein Recht auf Sterbehilfe hat, wenn er sich eines Tages für den Tod entscheiden sollte.

Rafael Botella in seinem Zimmer | Rop Zoutberg/ARD-Studio Madrid

Rafael Botella ist querschnittgelähmt und nach eigenen Angaben froh über das Recht auf aktive Sterbehilfe - auch wenn er es nicht nutzen möchte. Bild: Rop Zoutberg/ARD-Studio Madrid

Prozess in den Neunzigerjahren noch gescheitert

Der querschnittgelähmte galizische Seemann Ramón Sampedro wollte sich dieses Recht schon in den Neunzigerjahren vor Gericht erkämpfen. Er verlor, seine Freundin half ihm fünf Jahre später heimlich, zu sterben. Die Geschichte von Sampedro wurde 2004 mit Javier Bardem in der Hauptrolle verfilmt. "Das Meer in mir" heißt der Film, und ein berühmter Dialog daraus gibt den Kern der damals verhandelten Frage wieder:

Diese Augen sind so voller Leben, wie kann jemand mit solchen Augen sterben wollen?"
- "Bist du hier, um mich zu besuchen oder um mich zu bekehren?

"Der Film war ein Meilenstein für Spanien und in der Welt", sagt Javier Verlasco von der "Gesellschaft für das Recht auf einen würdigen Tod": "Er hat Ramón Sampedro zu einer Ikone für das Sterben in Würde gemacht."

Ramon Sampedro (Archivbild von 1998) | picture-alliance / dpa

Sampedro (Archivbild von 1998) hatte in den Neunzigerjahren für ein Recht auf Sterbehilfe geklagt - und verloren. Bild: picture-alliance / dpa

Regionen können Umsetzung des Gesetzes beeinflussen

Verlasco macht sich seit vielen Jahren für die aktive Sterbehilfe stark. Heute finden mehr als 80 Prozent der Spanierinnen und Spanier, dass sie erlaubt sein sollte. Im Gesetz dazu sind strenge Regeln vorgesehen: eine Kommission entscheidet über den Antrag auf Sterbehilfe, eine weitere soll danach begutachten, ob alle Regeln eingehalten worden sind.

Ein Hebel für Konservative und Ultrarechte, die wie die katholische Kirche die aktive Sterbehilfe ablehnen. "Es ist ein nationales Gesetz, aber umgesetzt wird es von den Autonomen Regionen. Und die können die Kommissionen mit Leuten besetzen, die das Gesetz ablehnen", erklärt Verlasco.

Vor allem in Madrid und Murcia, vielleicht auch in Andalusien könnte es so kommen, glaubt er. Und es gebe auch noch Widerstand in den Reihen der Mediziner, die das Sterben oft als eigenes Versagen empfänden.

Niemand kann Botella die Schmerzen abnehmen

Rafael Botella hat schon Zeiten erlebt, in denen er sterben wollte. Aber nicht, weil er im Rollstuhl sitzt: "Das ist nicht das Ende der Welt", sagt er. "Jemand anderes gibt dir zu Essen und zu trinken, kratzt dich - aber die Schmerzen kann dir keiner abnehmen. Niemand kann sagen: 'Ruh dich aus, ich nehm’ dir eine halbe Stunde die Schmerzen ab'".

Seit 2015 leidet Botella unter starken chronischen Schmerzen. Er wollte sterben. Und er sagt: "Auch wenn ich heute wieder neue Projekte habe, die mir Lebensmut geben, wäre es damals richtig für mich gewesen, zu sterben."

Wenn er nicht wüsste, dass er jetzt das Recht dazu hat zu sterben, wäre das schlimm für ihn: "Ich könnte mich nicht mehr auf meine Projekte konzentrieren, weil ich nur mit der Frage beschäftigt wäre: was mache ich, wenn es mir schlechter geht?", sagt er.

Zur Zeit schreibt Rafael Botero an einem Buch - und er plant einen Kurzfilm über seine Lebensgeschichte. Er hat viele Freunde, hat sogar einen Tamdem-Fallschirmsprung gemacht. Seine Augen sind voller Leben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Juni 2021 um 12:00 Uhr.