Junge Erwachsene sitzen an einem Brunnen in Madrid | AP
Europamagazin

Kaum feste Jobs in Spanien "Müllverträge" und keine Chance auf Familie

Stand: 21.08.2021 12:35 Uhr

Erst Finanzkrise, dann Pandemie: Die "Generation C" - das C steht für Corona - gilt als verlorene Generation in Spanien. Gut ausgebildet, aber nur befristete Verträge - viele Zukunftspläne bleiben da auf der Strecke.

Von Stefan Schaaf, ARD-Studio Madrid

Wenn Fabio Ramos seine Verlobte sehen will, dann muss er zum Elternhaus von Ana María gehen. Meist klingelt er unten, dann kommt sie herunter und sie gehen zusammen aus. Szenen wie bei verliebten Teenagern. Dabei sind beide, Ana María und Fabio, fast dreißig Jahre alt und diplomierte Akademiker.

Stefan Schaaf ARD-Studio Madrid

Doch beide leben jeweils bei ihren Eltern. Gerne würden sie zusammenziehen, doch ohne Job und Einkommen ist das unmöglich. "Ich liebe meine Eltern sehr", sagt Ana María, "aber ich möchte jetzt unabhängig sein, mit Fabio leben und vorwärtskommen. Das ist doch das Gesetz des Lebens." 

Die beiden Biologen gehören zu einer gut ausgebildeten Akademiker-Generation, die trotzdem keine Arbeit hat. Während der Finanzkrise wurde in Spanien der Forschungsbereich drastisch zusammengekürzt, dann kam noch die Corona-Pandemie. Derzeit werden so gut wie keine Stellen besetzt.

Fabio verdient sich ein wenig Geld mit Nachhilfe-Unterricht, den er online Schülern gibt. Mehr ist nicht drin im spanischen Arbeitsmarkt.

Ehrlich gesagt finde ich es ziemlich frustrierend. Man studiert vier Jahre, hat einen Master - und dann? Ich glaube, wir nutzen überhaupt nicht das ganze Potenzial, das wir haben."   

Hohe Arbeitslosenzahlen

Für solche Schicksale finden sich in Spanien plakative Bezeichnungen. Da wachse eine "verlorene Generation" heran, oder es gebe eine "Generation C", C wie Corona. Klar ist: Ana María und Fabio gehören der Generation einer Doppelkrise an: erst im Jahr 2007 die Finanzkrise, nun die Pandemie.

Das Mittelmeer-Land ächzt schon seit langen unter Schwindel erregenden Arbeitslosenzahlen. Als Brüssel vor zehn Jahren Madrid eine rigide Sparpolitik verordnete, da schnellte die Jugendarbeitslosigkeit auf mehr als 50 Prozent hoch. Und als sich die Wirtschaft gerade wieder berappelt hatte, schlug das Coronavirus zu.

Am Anfang der Pandemie wurden 53 Prozent der Spanier unter 35 Jahren entlassen. Auch jetzt liegt die Jugendarbeitslosigkeit noch bei mehr als 30 Prozent.

Geburtenrate stark gesunken

Diese Generation der jungen Leute hat in Spanien eigentlich nie wirklich eine Chance gehabt. Zu Zeiten der Wirtschaftskrise wurde die Sozialgesetzgebung gelockert, zeitlich befristete Arbeitsverträge bei miserabler Bezahlung wurden die Regel. Und das hat sich mit Corona noch einmal verschärft.

Kein Wunder, dass junge Spanierinnen und Spanier kaum daran denken, Zukunftspläne zu schmieden, eine Familie zu gründen. Die Spanierin Ariane Aumaitre hat an der europäischen Universität Florenz das Verhalten junger Menschen in Europa untersucht. Gerade im Süden des Kontinents würden sich immer weniger unabhängig machen.

Das sind alles Menschen, die weniger Einkommen und weniger Chancen haben, ein Lebensprojekt zu starten. Sie können sich weniger entwickeln. Sie leben sehr viel länger bei ihren Eltern, die Geburtenrate ist stark gesunken, und die Chancen, eine eigene Wohnung zu besitzen, sind ebenfalls gesunken.

Da überrascht es kaum, dass das Land zusammen mit Japan die niedrigste Geburtenrate der Welt hat. Junge Spanierinnen und Spanier sehen keine Zukunft für sich. "Es wäre doch schön, wenn ich als junge Frau Kinder bekommen könnte" sagt Ana María. "Aber dafür brauchst du doch auch eine ökonomische Stabilität in deinem Leben. Meine Mutter war 27, als ich geboren wurde. Jetzt bin ich 29 Jahre alt und denke nicht im Traum daran, ein Kind zu bekommen."

Besser ausgebildet, schlechter bezahlt

Menschen wie Ana María fühlen sich wie in einer Sackgasse.  Sie sind besser ausgebildet als die Generation ihrer Eltern, aber werden schlechter verdienen. Sie müssen prekäre Arbeitsverhältnisse und "Müllverträge" akzeptieren, als Aushilfskellner oder Taxifahrer. In Spanien gibt es schon seit langem den Begriff der "Mileuristas", also derjenigen, die gerade mal tausend Euro im Monat verdienen. Zu wenig, um davon leben und Miete bezahlen zu können.

Beratungsdienst an der Uni Madrid

Diese düsteren Perspektiven haben natürlich Folgen, gerade auch psychologische. Und deswegen bietet die Universität von Madrid seit einigen Jahren einen Beratungsdienst für Hilfesuchende an. In Zeiten der Pandemie findet dieser oft per Videokonferenz oder auch telefonisch statt.

Christina Laroy hat diesen Dienst an der Universitätsklink Madrid initiiert. Sie sagt:

 "Die Erkrankungen sind gestiegen, und zwar nicht nur zahlenmäßig, sondern auch im Grad der Schwere. Wir sehen Stimmungsschwankungen, emotionale Störungen, Ungewissheit, Angst vor der Zukunft.

Nein, die Aussichten für Spaniens jungen Leuten sind nicht gut. Vielleicht können die knapp 70 Milliarden Euro ja etwas bewirken, die die EU als massive Corona-Hilfen an Spanien auszahlen wird. Ana María und Fabio sind da eher skeptisch. "Ich sehe keine Perspektive", sagt die Biologin. "In meiner Profession gibt es wenig Angebote und sehr viel Nachfrage. Es sind sehr viele, die eine Anstellung suchen. Es wird sehr schwierig für uns beide."

Und dann zahlen die beiden ihren Kaffee, umarmen sich und gehen, jeder für sich, nach Hause. Zu ihren Eltern.

Der Beitrag "Spaniens Jugend in der Doppelkrise" ist am Sonntag, 22.8., um 12:45 Uhr im ARD-Europamagazin zu sehen.

Über dieses Thema berichtete die ARD am 22. August 2021 um 12:45 Uhr im "Europamagazin".