Panzer der Roten Armee haben am 19. August 1991 auf dem Roten Platz im Moskau vor der Basilius-Kathedrale Stellung bezogen. | picture-alliance / dpa

30 Jahre Augustputsch Der Anfang vom Ende der Sowjetunion

Stand: 19.08.2021 04:15 Uhr

Vor 30 Jahren wollten kommunistische Hardliner den Reformen Gorbatschows ein Ende bereiten. Ein Putsch sollte den Zerfall der Sowjetunion aufhalten - und bewirkte doch ihren endgültigen Untergang.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Natalia streckt den Arm aus und zeigt auf die Brücke, die über die Moskwa zum Weißen Haus führt, dem Sitz der russischen Regierung. "Natürlich waren wir besorgt", erzählt sie "alle waren besorgt. Stellen Sie sich vor: Wir sitzen jetzt hier und auf einmal fährt ein Panzer vorbei."

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Dort, wo die 70-Jährige mit ihrem Mann in der sommerlichen Abendsonne sitzt und sich erinnert, umgeben von schicken Restaurants, fand vor 30 Jahren ein Putschversuch statt. Der in seiner Konsequenz das Ende der Sowjetunion einläutete. 

Die Moskauer Bevölkerung leistet am 19. August 1991 Widerstand gegen einrollende Panzer der Roten Armee vor dem russischen Regierungsgebäude, dem "Weißen Haus". | picture alliance / dpa

Keine Furcht vor der Armee: Auch vor dem "Weißen Haus" stellten sich Moskauer den Putschisten entgegen. Bild: picture alliance / dpa

Es herrschte Krisenstimmung

Am Morgen des 19. August 1991 verkündete im staatlichen Fernsehen der Sprecher der Nachrichtensendung "Wremja", dass per Erlass von nun an Vize-Präsident Gennadi Iwanowitsch Janajew Staatschef der UdSSR sei. Michail Sergejewitsch Gorbatschow könne aus Gesundheitsgründen seine Funktion als Präsident nicht mehr erfüllen.

In der Nacht zuvor hatte eine Handvoll konservativer Parteifunktionäre beschlossen, dem Reformtreiben Gorbatschows ein Ende zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der sowjetische Staatschef im Urlaub auf der Krim, rund 1300 Kilometer von Moskau entfernt. Dort wurde er festgesetzt.

Gorbatschows Konzept von Glasnost und Perestrojka - Transparenz und Umbau der sowjetischen Staatsordnung - wurde vom Westen gefeiert. Es war die Zeit des Wandels und der gegenseitigen Annäherung. Im eigenen Land aber herrschte Krisenstimmung und Lebensmittelknappheit.

Blumen in Kanonenrohre

"Es gab die Perestroika, es brodelte in der Gesellschaft", erinnert sich auch Natalja, die damals 40 Jahre alt war. Aber im Grunde sei die Lage stabil gewesen. "Und auf einmal so etwas. Es war ein Komplott eines winzigen Teils der Elite", sagt sie. Niemand habe etwas davon gewusst, niemand sei darauf vorbereitet gewesen. "Tatsächlich aber war die Verwunderung stärker als die Furcht."

Doch als plötzlich die Panzer durch Moskau fuhren, gingen auch die Menschen auf die Straße. Sie errichteten Barrikaden, bildeten Menschenketten, steckten Blumen in die Kanonenrohre und verteilten selbstgebackene Teigtaschen an die Soldaten.

"Das war der Zeitpunkt, an dem man sich gedacht hat, jetzt oder nie", sagt der Historiker und damalige Student Alexej Merkisch. "Jetzt werde ich frei, jetzt bekomme ich meine Rechte, jetzt werde ich nicht mehr regiert, werde ich nicht verwaltet, sondern kann auch selbst etwas entscheiden."

Der russische Präsident Boris Jelzin (2.v.l) fordert auf einem Panzer stehend vor dem russischen Regierungsgebäude in Moskau die Bevölkerung mit geballter Faust zum Generalstreik auf (Archivbild: 19.08.1991). | picture-alliance/ dpa

Einer der Momente, die den Putsch scheitern ließen: Boris Jelzin, damals Präsident der Russischen Teilrepublik der UdSSR, steigt am 19.8. 1991 auf einen Panzer und ruft die Russen zum Generalstreik auf. Bild: picture-alliance/ dpa

Ein unblutiges Ende

Die Soldaten verbrüderten sich mit den Demonstranten. Nach nur drei Tagen ging der versuchte Putsch weitestgehend unblutig zu Ende. Gorbatschow kehrte nach Moskau zurück, doch die Macht war ihm endgültig entglitten. Stattdessen galt Boris Jelzin als neuer starker Mann - der Präsident Russlands, der sich den Putschisten ebenfalls entgegen gestellt hatte. 

Bald darauf passierte, was der Staatsstreich eigentlich verhindern sollte: Die Sowjetunion brach auseinander. Noch heute gilt Gorbatschow in den Augen vieler Ex-Sowjetbürger als ihr Totengräber. Wladimir Putin bezeichnete den Zusammenbruch gar als schlimmste geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts.

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Michail Gorbatschow: Ein politisches Leben in Bildern

Dieser Beitrag lief am 19. August 2021 um 05:50 Uhr im Deutschlandfunk.

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KOMMENTARE

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Der Nachfrager 20.08.2021 • 08:31 Uhr

@saschamaus

Wenn sie sich ein wenig belesen würden, dann wüssten Sie dass die Verfassung der DDR umgeschrieben werden musste. Es sind auch zahlreiche Bücher darüber geschrieben worden. Die Gesetze der DDR mussten mit denen der BRD übereinstimmen. Andernfalls hätte es eine Volksabstimmung geben müssen.