Ein schwerer Smog-Schleier umgibt die Innenstadt von Katowice. (Archivbild: 15.02.2017) | picture alliance / Andrzej Grygi

Smog Dicke Luft in Polens Städten

Stand: 21.01.2022 05:19 Uhr

Von 50 EU-Städten mit der stärksten Luftverschmutzung liegen 33 in Polen - und der Winter beschert ihnen zuverlässig neue Smog-Höchstwerte. Selbst in Kurorten ist die Luft zum Schneiden.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau

Rekorde bei der schlechten Luft sind in Polen seit Jahren traurige Realität. Vor kurzem erschien die von der Aktivistenorganisation "Polish Smog Alert" veröffentlichte Liste der polnischen Städte mit der schmutzigsten Luft im Jahr 2020 - mit einem ungwöhnlichen Ergebnis.. "Seit wir begonnen haben, die Messergebnisse zu analysieren und die Ranglisten der Smog-Spitzenreiter zu veröffentlichen, gab es nie die Situation, dass eine Stadt in allen Kategorien gewonnen hat. Das ist diesmal anders", sagt Piotr Siergiej.

Olaf Bock ARD-Studio Warschau

Als unangefochtener Sieger stellte sich Nowy Targ heraus, das in Bezug auf die durchschnittliche Jahreskonzentration von PM10-Staub, die Anzahl der Tage mit nicht atembarer Luft und die Jahreskonzentration des krebserregenden Benzo(a)pyrens unübertroffen war.  

Aus dem Schornstein eines Hauses in Nowy Targ (Polen) steigt schmutziger Rauch auf. | picture alliance / NurPhoto

Alte Heizöfen und Kohle - eine Kombination, die selbst in Luftkurorten wie Nowy Targ für schlechte Luft sorgt. Bild: picture alliance / NurPhoto

Dicker Ruß aus alten Kohleöfen

Nach Ansicht von Experten ist die größte Ursache für das Smog-Problem in Polen das Heizen in Häusern: Viele Menschen in Polen verbrennen dazu nach wie vor Kohle in Haushaltsöfen. Neben Holz und Kohle wandert aber auch Müll in den häuslichen Ofen. Hinzu kommen unzureichende Anti-Smog-Maßnahmen auf nationaler und lokaler Ebene. 

2018 startete die Regierung das "Programm für saubere Luft". Es sieht vor, dass bis 2028 alle derartigen alten Kohleöfen aus den Haushalten entfernt werden und durch umweltfreundliche Gasheizungen ausgetauscht werden. Aber Gas ist vergleichsweise teuer, und gerade stiegen wieder die Preise drastisch. 

Deshalb sind viele Polen im Winter zum Heizen auf Kohle angewiesen. Teilweise wird auch noch minderwertige, billige Kohle verwendet, obwohl die eigentlich verboten ist. Aktuell gibt es immer noch bis zu dreieinhalb Millionen alte Kohleöfen im Land, die noch nicht ausgetauscht wurden. 

Mehr als 1000 Prozent über der Norm

Piotr Siergiej vom "Polish Smog Alert", der Aktivistengruppe, die sich aktiv für den Kampf gegen Smog einsetzt, meint, dass der Austausch der alten Kohleöfen viel zu langsam geht. "Kein Wunder, dass die Auswirkungen dieser Regierungsinitiative daher nur schwer zu sehen und zu spüren sind. Es reicht, dass es draußen vor dem Fenster etwas kälter wird, und es gibt viele Orte in unserem Land, in denen die Normen um mehr als 1000 Prozent übertroffen werden", meint Piotr Siergiej. 

In Gemeinden, in denen sehr hohe Überschreitungsnormen prognostiziert werden, verschickt die Regierung sogar Warnungen per SMS: "Achtung! Heute wird schlechte Luftqualität in Bezug auf Feinstaub vorhergesagt. Verzichte auf Außenaktivitäten!"

Ein Ausflug mit Nachwirkungen

Patryk Białas war mit seinen Kindern nach Szczyrk gefahren, einem beliebten Wintersport- und Kurort im polnischen Gebirge. Der Abendspaziergang entpuppte sich als ein Albtraum aus seiner Sicht: Die Luft war dick von Smog.

Bialas beschloss, die Rechtmäßigkeit der Erhebung der Klimasteuer anzufechten. "Statt sauberer Luft gibt es Smog. Es ist nicht fair, dafür Geld zu nehmen", sagte Bialas nach seinem Besuch und forderte die Stadtverwaltung auf, diese Gebühr abzuschaffen. Die Beamten ignorierten seine Bitte, doch er gab nicht auf und brachte den Fall vor Gericht: "Der Titel eines Kurortes verpflichtet" - so Bialas damals, der selbst bekannter Umweltaktivist in Katowice ist.  

Das Oberste Verwaltungsgericht gab ihm kürzlich recht. Das Urteil verbietet nun Szczyrk, die Kurtaxe einzukassieren, da die Stadt in einer Zone liege, in der die Luftqualitätsnormen überschritten werden. Mit dem Urteil sei er zufrieden, sagt Bialas, aber es sei "eine Freude durch Tränen". Dass das Oberste Verwaltungsgericht feststelle, dass der Ort mit der Erhebung von Touristengebühren gegen das Gesetz verstößt, sei erfreulich. Aber das Urteil bestätige auch, "dass die Luftqualität in polnischen Ferienorten schrecklich ist und viele von ihnen nur Anti-Smog-Maßnahmen simulieren". 

Die Sicht des Bürgermeisters

Für Szczyrk bedeutet die neue Regelung einen Verlust von ca. 800.000 Zloty (umgerechnet etwa 200.000 Euro, Anmerkung der Redaktion) pro Jahr in der Kasse. Bürgermeister Antoni Byrdy ist unzufrieden mit dieser Gerichtsentscheidung: Seiner Meinung nach sind die Touristen selbst für die schlechte Luftqualität verantwortlich, weil sie mit ihren Autos anreisen.

Byrdy betont, dass in Szczyrk viel dafür getan werde, um Emissionsquellen zu beseitigen, aber dies könne nicht über Nacht geschehen: "Schornsteine ​​stören alle, aber 10.000 Autos, die in die Stadt einfahren, beeindrucken niemanden", sagte er in einem Radiointerview. 

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 24. März 2021 um 18:30 Uhr.