Dieses vom russischen Fernsehsender RU-RTR via AP zur Verfügung gestellte Standbild zeigt eine neue Sarmat-Interkontinentalrakete.  | dpa

SIPRI-Friedensforscher "Alle Atommächte modernisieren"

Stand: 14.06.2021 00:00 Uhr

Die Friedensforscher von SIPRI erheben jährlich die Zahl der Atomwaffen. Laut aktuellem Bericht sank sie zuletzt. Doch immer kleinere und durch KI-gesteuerte Waffen beunruhigen die Wissenschaftler.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Auf den ersten Blick sieht der Jahresbericht der Stockholmer Friedensforscher aus ihrer Sicht gut aus: Insgesamt ist die Zahl der Sprengköpfe erneut zurückgegangen: 13.080 im Vergleich zu 13.400 noch vor einem Jahr. Eine weitere gute Nachricht: 3500 der heutigen Sprengköpfe sind veraltet und warten nur noch darauf, entsorgt zu werden - weshalb am Ende knapp 10.000 verbleiben.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Dan Smith vom Friedensforschungsinstitut SIPRI blickt jedoch vor allem auf eine andere Zahl: Auf die, der einsatzbereiten Sprengköpfe: "Es sieht so aus, als würde die Anzahl der einsatzbereiten Sprengkräfte weltweit wieder ansteigen", sagt er.

Es könnte sein, dass der lange Rückgang seit Ende des Kalten Krieges vorbei ist. Wir müssen das noch ein Jahr lang beobachten, um sicher zu sein. Aber alle Atommächte modernisieren, verstärken oder vergrößern derzeit ihre Atomwaffen-Arsenale.

"Sie sollen nicht mehr eine ganze Stadt zerstören"

Die Atommächte - das sind allen voran Russland und die USA. Beide Länder besitzen zusammen 90 Prozent aller Sprengköpfe. Weitere sieben Staaten haben deutlich weniger: Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea.

Die derzeitigen Modernisierungsstrategien der Länder seien bereits für die kommenden Jahrzehnte angelegt - und nach Einschätzung von Smith nur durch neue Abkommen aufzuhalten. Insbesondere die technische Entwicklung der Waffen beunruhigt ihn. Seit den 1970er-Jahren würden die Sprengköpfe immer weiter verkleinert. "Sie sollen nicht mehr eine ganze Stadt zerstören, sondern nur gewisse Gebiete. Das wird kritisiert, weil Atomwaffen dadurch flexibler einsetzbar werden."

Der Faktor Mensch spiele inzwischen eine immer kleinere Rolle im Umgang mit den Waffen, erläutert Smith. Vielmehr übernehme Künstliche Intelligenz die Steuerung - was nicht nur Vorteile habe, so der Friedensforscher. "Die modernen Computer und damit Künstliche Intelligenz können viel mehr Daten schneller verarbeiten." Aber das könne dazu führen, dass der Zeitraum für eine reflektierte Entscheidung immer kürzer werde. Dabei gehe es um die Frage: Ist das gerade ein nuklearer Angriff, den wir auf dem Radar sehen oder ist es was anderes?

SIPRI: Zahlen zu bekommen wird immer schwerer

Weiterhin beklagt der Forscher, dass es nicht leichter werden, verlässliche Zahlen von den Atommächten zu erhalten. Die USA seien das Land mit der höchsten Transparenz, Großbritannien habe im vergangenen Jahr deutlich weniger Informationen veröffentlicht als sonst und Schlusslicht sei wie immer Nordkorea.

Wir analysieren also einerseits Statements der Regierungen und zusätzlich die Informationen über nukleares Material, über das die Staaten verfügen sollen. Wir müssen also ziemlich viel untersuchen und unsere Statistiken sind nicht 100 Prozent sicher, weil wir die Informationen von den Regierungen nicht bekommen, obwohl sie transparent sein sollten.

Als nächstes blickt der Friedensforscher nun gespannt auf das Treffen der beiden Präsidenten Joe Biden und Wladimir Putin in dieser Woche. Denn das Verhältnis zwischen den USA und Russland sei ein wichtiger Faktor für die künftige Entwicklung der weltweiten Atomwaffenpolitik.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juni 2021 um 05:20 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".