Ein Mann steht vor dem eingravierten Namen seines Großvaters an der Shoah-Gedenkmauer | dpa

Shoah-Gedenkstätte in Wien "Ihre Namen dem Vergessen entreißen"

Stand: 09.11.2021 20:01 Uhr

160 Tafeln mit den Namen von 64.440 ermordeten Juden - in Wien ist eine Gedenkstätte für die Opfer der Shoah eröffnet worden. Kanzler Schallenberg erinnerte daran, dass Österreich seine Rolle in der Nazi-Zeit lange verdrängt hat.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Die "Gedenkstätte für die in der Shoah ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Österreich" in Wiens Innenstadt besteht aus 160 Gedenktafeln mit den Namen und Geburtsdaten der 64.440 ermordeten österreichischen Juden.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Den Opfern der Shoah, sagte Bundeskanzler Alexander Schallenberg in seiner Ansprache, werde ihre Individualität zurückgegeben. Er erinnerte an das älteste österreichische Opfer der Shoah, den im Alter von 101 Jahren in Theresienstadt ermordeten Abraham Mühlendorf, sowie an das jüngste Opfer: "Samuel Georg Susman kam im August 1944 im KZ Auschwitz zur Welt und wurde gleich nach seiner Geburt vor den Augen seiner Mutter vom Lagerarzt Dr. Mengele bestialisch getötet. Mit dieser Namensmauer entreißen wir ihre Namen und ihre Geschichte dem Vergessen."

Schallenberg hob vor allem den Einsatz des heute 91-jährigen Kurt Yakov Tutter hervor, der vor 20 Jahren den Verein "Gedenkstätte Namensmauern" gegründet und unbeirrt an dem Vorhaben festgehalten hat. Im Frühjahr 2018 hatte der damalige Bundeskanzler Sebastian Kurz dem Shoah-Überlebenden zugesagt, dass die Gedenkstätte zu realisieren und zu finanzieren sei.

Alexander Schallenberg | dpa

Schallenberg erinnerte daran, dass Österreich seine Rolle in der Nazi-Zeit lange verdrängt hat. Bild: dpa

Lange verdrängte Geschichte aufarbeiten

Sein Nachfolger Schallenberg betonte, dass Österreich die Anerkennung der Schuld und die Aufarbeitung der eigenen NS-Geschichte über lange Zeit verdrängt habe:

Zu lange hat sich Österreich ausschließlich selbst als Opfer des Nationalsozialismus betrachtet. Zu viele standen aber im März 1938 am Heldenplatz und haben mitgejubelt. Zu viele haben zugeschaut, ja sogar mitgemacht, als ihre Mitmenschen beraubt, vertrieben und ermordet wurden. Und wir haben zu lange weggesehen, bis wir uns der Täterrolle und unserer daraus erwachsenen historischen Verantwortung bewusst geworden sind.

"Ihre jüdischen Landsleute nicht vergessen"

Kurt Yakov Tutter, dessen Eltern ermordet wurden und der mit seiner Schwester als Kind später von einer belgischen Familie versteckt wurde, sagte vor Beginn der feierlichen Einweihung der Gedenkstätte gegenüber dem ARD-Studio Wien, dass er sich wünsche, dass Österreicherinnen und Österreicher künftig herkommen und sich jeden Namen der Ermordeten sowie deren Geburtsdaten anschauen sollten. Was die Gedenkstätte für ihn bedeute?

Das bedeutet, dass ich hierher kommen kann und für alle meine jüdischen Volksgenossen trauern kann. Aber das bedeutet, dass Österreicherinnen und Österreicher ihre jüdischen Landsleute nicht vergessen. Ich erlaube es nicht, dass die vergessen werden mit dieser Gedenkstätte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. November 2021 um 20:00 Uhr.