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Rede vor UN-Sicherheitsrat Selenskyj nennt Russland "Terrorstaat"

Stand: 29.06.2022 07:32 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat das Nachbarland in einer Rede vor dem UN-Sicherheitsrat scharf kritisiert. Russland sei ein "Terrorstaat", weil es gezielt Zivilisten angreife. Er forderte ein "Tribunal".

Bei einem überraschenden Auftritt vor dem UN-Sicherheitsrat hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gefordert, Russland als "Terrorstaat" zu bestrafen. Auch Präsident Wladimir Putin sei ein Terrorist. Russland müsse aus dem Sicherheitsrat ausgeschlossen werden, sagte Selenskyj, der bei einer kurzfristig anberaumten Sitzung in New York per Video zugeschaltet war: "Ich fordere Sie auf, der Delegation des Terrorstaates die Rechte zu entziehen."

Selenskyj: Gezielter Angriff auf Zivilisten

Zur Begründung zählte er eine Reihe von Angriffen der russischen Seite auf, bei der Unbeteiligte - unter anderem Kinder und Senioren - getötet worden seien. Dabei thematisierte er auch den Beschuss des Einkaufszentrums in der Großstadt Krementschuk, bei dem mindestens 20 Menschen ums Leben kamen. Der Angriff gegen das Einkaufszentrum sei gezielt gewesen, um möglichst viele Menschen zu töten, sagte Selenskyj.

Seinen Worten nach hat Russland seit Kriegsbeginn 2811 Raketen auf ukrainische Städte abgefeuert - Russland greife gezielt Zivilisten an. "Es ist zwingend erforderlich, ein Tribunal einzurichten, um alles zu untersuchen, was das russische Militär gegen die Ukrainer getan hat", sagte Selenskyj. Seine Rede beendete Selenskyj mit einem Aufruf an alle Mitglieder des höchsten UN-Gremiums, sich für eine Schweigeminute in Gedenken an die Zehntausenden Kinder und Erwachsene zu erheben, die bisher im Krieg getötet worden seien. Alle Repräsentanten der Ratsmitglieder standen auf, sogar der russische Vize-UN-Botschafter Dmitri Poljanski.

Explosion in Krementschuk | via REUTERS

Diese Bilder sollen ... Bild: via REUTERS

Explosion in Krementschuk | via REUTERS

... den Einschlag der russischen Rakete im Einkaufszentrum zeigen. Bild: via REUTERS

Russischer Botschafter verärgert

Poljanski äußerte sich später allerdings verärgert über den Auftritt Selenskyjs. Dieser sei nicht mit allen Mitgliedern abgestimmt worden und verstoße gegen die übliche Praxis der Arbeit des Sicherheitsrats. Außerdem stritt er den Vorwurf eines Angriffs auf zivile Objekte stritt ab.

Zwar hatte die russische Militärführung den Beschuss von Krementschuk eingeräumt, zugleich aber dementiert, dabei das Einkaufszentrum getroffen zu haben. Vielmehr hätten die "Hochpräzisionsraketen" Hallen mit Munition und Waffen aus den USA und Europa getroffen. Erst deren Explosion habe das Feuer in dem Einkaufszentrum ausgelöst, behauptete Armeesprecher Igor Konaschenkow. Allerdings sind auf Fotos keine Zerstörungen in unmittelbarer Nähe des Einkaufszentrums zu erkennen.

Explosion in Krementschuk | AP

Luftaufnahme des ausgebrannten Einkaufszentrums. Das Gelände im Hintergrund ist offensichtlich unbeschädigt. Bild: AP

Weitere Kämpfe im Donbass-Gebiet

In der Nacht zum Mittwoch gingen die Kämpfe weiter. Die Nachrichtenagentur Ukrinform meldete zwei Raketeneinschläge in der Stadt Charkiw im Nordosten der Ukraine. Im Süden der Stadt sei ein Feuer ausgebrochen. Angaben über Verletzte und Schäden lagen noch nicht vor.

Auch im Osten des Landes wird gekämpft. Beide Seiten versuchen derzeit die Kontrolle über eine wichtige Versorgungsstraße für die schwer umkämpfte ehemalige Großstadt Lyssytschansk zu gewinnen. Einen russischen Vorstoß auf die Ortschaft Spirne entlang dieser Straße hat das ukrainische Militär nach eigenen Angaben zurückgeschlagen. Lyssytschansk werde dabei weiter ständig mit Mörsern und anderer Artillerie beschossen, teilte der Generalstab mit. Vertreter der prorussischen Separatisten berichteten zudem von Kämpfen bereits im Stadtgebiet.

Sechs weitere Panzerhaubitzen 2000 für Ukraine

Deutschland und die Niederlande haben entschieden, der Ukraine sechs weitere Modelle der Panzerhaubitze 2000 zu liefern. Das sagten Verteidigungsministerin Christine Lambrecht und ihre niederländische Amtskollegin Kasja Ollongren am Rande des NATO-Gipfels in Madrid. Damit wird die Ukraine nun insgesamt 18 Stück des Waffensystems erhalten.

Mit Informationen von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. Juni 2022 um 06:22 Uhr.