Vermisstenbeauftragter Oleh Kotenko macht Fotos der Gräber | dpa

Vermisstenbeauftragter zu Isjum "Möchte das nicht Butscha nennen"

Stand: 16.09.2022 12:07 Uhr

Der Vermisstenbeauftragte der Ukraine, Kotenko, spricht im Falle der Leichenfunde in Isjum von vielen Einzelgräbern. Zuvor hatte der ukrainische Präsidenten Selenskyj von einem Massengrab gesprochen und einen Vergleich zu Butscha gezogen.

Bei den Leichenfunden in der befreiten ostukrainischen Kleinstadt Isjum handelt es sich laut dem ukrainischen Vermisstenbeauftragten nicht um ein Massengrab, sondern um viele Einzelgräber. "Ich möchte das nicht Butscha nennen - hier wurden die Menschen, sagen wir mal, zivilisierter beigesetzt", sagte Oleh Kotenko dem TV-Sender Nastojaschtschee Wremja.

Am Donnerstagabend war der Fund eines Friedhofs mit mehr als 440 Gräbern bekannt geworden. Darunter war dem Internetsender Hromadske zufolge auch ein größeres Grab, in dem bis zu 25 getötete ukrainische Soldaten liegen. Fotos zeigen Kreuze in einem Waldstück mit Nummern.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in einer ersten Reaktion, die Behörden hätten ein Massengrab entdeckt. "Butscha, Mariupol und jetzt leider auch Isjum. Russland hinterlässt überall Tod." Gleichzeitig kündigte er weitere Ermittlungen an.

Der leitende Ermittler der ukrainischen Polizei in der Region Charkiw, Sergej Bolwinow, sprach im britischen Fernsehsender Sky News von mehr als 440 Leichen in einer Grube.

Tod vermutlich durch Artilleriebeschuss

Der Vermisstenbeauftragte Kotenko sagte jetzt, die Menschen in Isjum wiederum seien wohl gestorben, als Russlands Truppen die Stadt im Zuge der Eroberung Ende März heftig beschossen hätten. "Die Mehrzahl starb unter Beschuss, wir haben das den Daten nach bereits verstanden: Die Menschen kamen um, als sie (die Russen) die Stadt mit Artillerie beschossen."

Die Bestattungsdienste hätten zum Teil nicht gewusst, wer die vielen toten Menschen seien. Deshalb stünden auf einigen Kreuzen nur Nummern. Derzeit bemühten sich die Behörden, ein Register mit den Fundorten der Leichen zu finden.

Der Chef der ukrainischen Präsidialamts, Andrij Jermak, warf den russischen Truppen Mord vor. Alle in dem Grab gefundenen Leichen würden exhumiert und gerichtsmedizinisch untersucht, kündigte Jermak an.

UN-Ermittler wollen nach Isjum reisen

Das Untersuchungsteam des UN-Menschenrechtsbüros in Genf will Isjum so schnell wie möglich aufsuchen, wie eine Sprecherin sagte. Der Fund sei schockierend und die Todesursache jedes einzelnen Verstorbenen müsse untersucht werden.

Isjum war Ende März von den russischen Truppen erobert worden. In der vergangenen Woche wurden diese unter dem Druck ukrainischer Gegenoffensiven von dort wieder vertrieben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. September 2022 um 12:00 Uhr.