Selenskyj bei Saporischschja | via REUTERS

Truppenbesuch in Ostukraine Selenskyj besucht Front in Luhansk

Stand: 06.06.2022 04:42 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat die Truppen an der Frontlinie nahe Saporischschja besucht. Der Präsident wolle die Soldaten in der entscheidenden Phase der Kämpfe ermutigen, so die ukrainische Regierung.

In einer entscheidenden Phase der Kämpfe im Donbass hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Region im Osten des Landes besucht. Selenskyj besichtigte dabei am Sonntag nach Angaben des Präsidialamtes Kommandoposten und Stellungen an der Front in der Stadt Lysytschansk, die durch den Fluss Siverskyj Donez von der derzeit hart umkämpften Stadt Sjewerodonezk getrennt ist.

In einer Erklärung des Präsidenten heißt es, er wolle sich bei den Truppen für ihre großartige Arbeit und ihren Dienst bedanken, mit denen sie alle in der Ukraine und auch das Land selbst beschützten. Selenskyj habe vor Ort eine Schweigeminute abgehalten. Vom Präsidialamt veröffentlichte Videos der Besuche zeigen Selenskyj bei Gesprächen mit Soldaten in bunkerähnlichen Gebäuden und bei der Verleihung von Auszeichnungen. "Ihr alle habt den Sieg verdient - das ist das Wichtigste. Aber nicht um jeden Preis", sagt Selenskyj in einem der Videos. Vor einer Woche hatte Selenskyj der ebenfalls umkämpften Region Charkiw im Nordosten des Landes bereits einen ähnlichen Besuch abgestattet.

Briten melden Gegenangriff in Sjewjerodonezk

Sjewjerodonezk ist die letzte größere Stadt der Region Luhansk, die Russland noch nicht erobert hat. Erklärtes Ziel der russischen Streitkräfte ist es, die gesamte Donbass-Region, zu der auch die Region Donezk gehört, einzunehmen. Das britische Verteidigungsministerium meldet eine Gegenoffensive der ukrainischen Armee. Damit hätten sie vermutlich die operative Dynamik geschwächt, die die russischen Streitkräfte zuvor mit einer Konzentration ihrer Einheiten und Feuerkraft gewonnen hatten, hieß es aus London.

Die russischen Soldaten, die im Kampf um Sjewjerodonezk eingesetzt würden, seien unter anderem Reserven der selbst ernannten "Volksrepublik Luhansk", teilte das britische Verteidigungsministerium mit. Diese Truppen seien schlecht ausgerüstet und trainiert, ihnen fehle im Vergleich zu regulären Einheiten schwere Ausrüstung. Auch der Gouverneur der Region Luhansk erklärte, es sei den ukrainischen Kräften gelungen, die russischen Kämpfer zurückzudrängen und die Kontrolle über etwa die Hälfte der Stadt zurückzugewinnen.

Widersprüchliche Angaben über Beschuss in Kiew

Aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew wurden heftige Bombardements gemeldet. Es sei der schwerste Beschuss seit Wochen gewesen, hieß es von ukrainischer Seite. Es sei militärische und zivile Infrastruktur getroffen worden, teilte die Militärführung in Kiew mit.

Die russische Seite behauptet, mehrere aus Osteuropa an die Ukraine gelieferte Panzer vom Typ T-72 und andere Militärtechnik zerstört zu haben, die in einem Werk für die Reparatur von Eisenbahnwaggons am Stadtrand von Kiew untergebracht worden seien. Dem widersprach Kiews Bahnchef. Zwar seien vier Raketen eingeschlagen, doch habe es dort keine Panzer gegeben. Die ukrainische Darstellung ähnelt den Eindrücken des ARD-Korrespondenten Robert Kempe, der sich vor Ort ein Bild machen konnte. Nach dessen Einschätzung sind dort keine Panzer, sondern Güterwaggons zerstört worden.

Klitschko berichtet von Explosionen

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete in seinem Telegram-Kanal von Explosionen. Es gebe nach bisherigem Stand einen Verletzten, der im Krankenhaus behandelt werde, aber keine Toten, sagte Klitschko. Betroffen waren danach die Stadtbezirke Darnyzja im Südosten und Dnipro im Westen der Millionenmetropole. Dabei seien auch Einrichtungen der Bahn getroffen worden, erklärte ein Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Auch der bereits mehrfach beschossene Vorort Browary wurde Behörden zufolge wieder getroffen.

In sozialen Netzwerken veröffentlichten Menschen Bilder und Videos von Bränden und Rauchwolken. Auch Geräusche von Einschlägen waren zu hören. Am Morgen hatte es langen Luftalarm gegeben. Es handelte sich um den schwersten Angriff auf die Hauptstadtregion seit Wochen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Putin droht mit neuen Angriffen

Der russische Präsident Wladimir Putin drohte in einem Interview mit einem Angriff auf neue Ziele in der Ukraine, sollten die USA damit beginnen, der Ukraine Langstreckenraketen zu liefern. "Wenn sie liefern, dann werden wir daraus die entsprechenden Schlüsse ziehen und unsere Mittel der Vernichtung, von denen wir genug haben, einsetzen, um jenen Objekten Schläge zu versetzen, die wir bisher nicht angreifen», sagte Putin dem Staatsfernsehsender Rossija 1.

Ziel der westlichen Waffenlieferungen sei es, den Konflikt in der Ukraine möglichst in die Länge zu ziehen, meinte der Kremlchef. Mit Blick auf die von den USA angekündigte Lieferung hochmoderner Mehrfachraketenwerfer vom Typ Himars zeigte er sich hingegen gelassen: Schon jetzt hätten die ukrainischen Streitkräfte solche Systeme russischer Produktion im Einsatz, die US-Lieferungen würden vielmehr zerstörte Waffen ersetzen. Gleichwohl sei hier entscheidend, welche Raketen eingesetzt würden. Die russische Luftabwehr, sagte Putin, habe inzwischen den Großteil der Kampfdrohnen in der Ukraine zerstört.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. Juni 2022 um 23:15 Uhr.