Ausbilder trainieren russische Reservisten auf einem Schießstand in der Region Wolgograd. | REUTERS

Russische Truppen Selenskyj erwartet weitere Mobilmachungen

Stand: 29.10.2022 12:38 Uhr

Obwohl der Kreml das Ende der Teilmobilmachung verkündet hat, rechnet der ukrainische Präsident Selenskyj mit erneuten Einberufungen. Russlands Truppen seien schlecht ausgerüstet und ausgebildet. Ein Experte sieht Russlands Offensivfähigkeit gebrochen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erwartet weitere Teilmobilmachungen von Reservisten in Russland für den Krieg gegen sein Land. "Wir bereiten uns darauf vor", sagte Selenskyj in einer am Freitagabend verbreiteten Videobotschaft. Er reagierte damit auf das in Moskau von Verteidigungsminister Sergej Schoigu verkündete Ende der Einberufung von 300.000 Reservisten für den Krieg gegen die Ukraine.

Die Teilmobilmachung ist in der russischen Gesellschaft umstritten - auch weil damit der Krieg, der in Russland nicht so genannt werden darf, erstmals in vielen Familien greifbar wurde. Viele Einberufene sind inzwischen in Särgen wieder nach Russland überführt worden.

Hunderttausende Russen sind aus Angst geflohen

Hunderttausende Russen haben aus Angst, in den Kriegsdienst eingezogen zu werden, das Land verlassen. In Russland sind viele Arbeitsplätze verwaist, weil die Menschen entweder im Krieg dienen oder geflohen sind.

Dass die russische Führung nun das Ende der Mobilmachung verkündete, wurde deshalb als Versuch gesehen, Männer wieder ins Land zu locken. Experten warnen aber vor einer Rückkehr nach Russland, weil das Ende einer Teilmobilmachung noch durch einen Erlass des Präsidenten besiegelt werden müsse. Das ist bisher nicht geschehen.

Der ukrainische Präsident Selenskyj betonte, dass der ukrainische Widerstand so stark sei, dass Russland gezwungen sein werde, neue Mobilmachungen zu befehlen. Die russischen Truppen seien so schlecht ausgebildet und ausgerüstet, dass das Land bald noch mehr Menschen mobilisieren müsse, meinte Selenskyj mit Blick auf die Verluste unter den russischen Soldaten.

Der russische Präsident Wladimir Putin in einem Ausbildungszentrum für mobilisierte Reservisten | via REUTERS

Der russische Präsident Wladimir Putin in einem Ausbildungszentrum für mobilisierte Reservisten. Bild: via REUTERS

Militärexperte sieht Russland vor großen Problemen

Nach Einschätzung von Militärexperte Niklas Masuhr stellen Waffenmangel und desolate Truppenmoral Russland im kommenden Winter vor große Probleme. "Auch ohne Einwirkung der Ukrainer wird der Winter eine große Herausforderung für die Russen", sagte der Forscher vom angesehenen Center for Security Studies der Universität ETH in Zürich der Nachrichtenagentur dpa.

"Für die Russen geht es noch darum, sich über den Winter einzugraben. Die Truppen sind in so schlechtem Zustand, dass nicht klar ist, ob sie das schaffen." Die Versorgung der Truppen an der Front werde im Winter schwerer, das drücke weiter auf die Moral unter den Soldaten, die schon am Boden liege.

"Die russische Offensivfähigkeit in der Ukraine ist gebrochen, weitere Vorstöße sind eher unwahrscheinlich", sagte Masuhr weiter. "Russland hat auf Defensivmodus geschaltet." Gleichzeitig gebe es keine Anzeichen, dass die jüngste Terrorkampagne mit Raketen- und Drohnenangriffen die Ukrainer eingeschüchtert habe oder ihnen der Schwung ausgehe.

Russische Truppen als "Flickenteppich"

Er sehe täglich Berichte von mobilisierten russischen Truppen, die sich weigerten, in den Kampf zu gehen, und von Kommandeuren, die Untergebene mit Waffengewalt an die Front zwingen müssten.

In den Verbänden fehle es an Zusammenhalt, weil die Truppen mittlerweile zusammengewürfelt seien, teils mit regulären Soldaten, teils mit Häftlingen und anderen jungen und alten Zwangsrekrutierten. "Mit so einem Flickenteppich kann man sich verteidigen, aber Offensiven stellen höhere Anforderungen an Ausbildung und Zusammenhalt."

Recherche: Rumoren im Machtapparat des Kremls

Dass ukrainische Vorstöße ins Stocken geraten sind, erkläre sich aus der Angriffsstrategie, sagte Masuhr. Die Ukrainer hätten zunächst dort angegriffen, wo abgenutzte russische Truppen weites Gelände zu verteidigen hatten. "Je dichter man an stärker verteidigte russische Frontabschnitte kommt, desto langsamer wird das Tempo, um den Gegner abzunutzen", sagte Masuhr.

Er hält eine ukrainische Offensive im Gebiet Cherson im Südosten nicht für aussichtslos. Ein Erfolg dort sei politisch und militärisch bedeutsam, weil er die russischen Truppen im Süden und Osten trennen und neue Vorstöße im Süden unmöglich machen würde.

Dunkelgrün: Vormarsch der russischen Armee. Schraffiert: von Russland annektierte Gebiete.  | ISW/28.10.2022

Dunkelgrün: Vormarsch der russischen Armee. Schraffiert: Von Russland annektierte Gebiete. Bild: ISW/28.10.2022

Zudem gingen bei den Russen die Präzisionswaffen zur Neige. Ihnen fehle westliche Mikroelektronik für die weitere Produktion, die die Regierung auch über Schwarzmärkte nicht im nötigen Umfang und zu bezahlbarem Preis besorgen könne. Gleichzeitig stärkten westliche Waffenlieferungen die Ukraine. "Bei den Ukrainern geht die Kurve der Leistungsfähigkeit hoch, bei den Russen runter", sagte Masuhr.

Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins Kontraste und der Deutschen Welle rumort es auch im Machtapparat des Kremls. Laut einer Informantin, die nach eigenen Angaben für drei russische Sicherheitsbehörden gearbeitet hat, hielten viele im Inlandsgeheimdienst FSB den Krieg mittlerweile für verloren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Oktober 2022 um 05:00 Uhr.