Wolodymyr Selenskyj macht Selfies mit Soldaten im ukrainischen Cherson. | dpa

Selenskyj in Cherson "Das motiviert sehr"

Stand: 14.11.2022 13:27 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat in Cherson ein Zeichen der Unterstützung gesetzt. Ohne schusssichere Weste ging er grüßend durch die Stadt. Der Abzug der Russen aus Cherson sei der Anfang vom Ende des Krieges, sagte er.

Wenige Tage nach dem Abzug der russischen Truppen aus Cherson hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die wieder ukrainisch kontrollierte Stadt im Süden des Landes besucht. Selenskyj war in militärisch anmutender Kleidung in den Straßen Chersons unterwegs, umgeben von schwer bewaffneten Leibwächtern.

Er selbst trug weder Helm noch schusssichere Weste. Er grüßte Soldaten, verteilte Orden und posierte für Fotos mit den Truppen. Der russische Rückzug aus Cherson sei der Anfang vom Ende des Krieges, so Selenskyj.

Den Menschen persönlich danken

Er wolle den Menschen mit seiner Anwesenheit seine persönliche Unterstützung ausdrücken. "Damit sie spüren, dass wir nicht nur davon reden, nicht nur versprechen, sondern real zurückkehren, unsere Flagge hissen." Außerdem wolle er selbst die Emotionen und die Energie seiner Landsleute spüren, betonte der 44-Jährige. "Das motiviert auch sehr."

Selenskyj ergänzte: "Wir sind bereit für den Frieden, für Frieden für unser gesamtes Land." Der Präsident dankte dabei den westlichen Staaten für deren anhaltende Unterstützung und betonte, vor allem die Lieferung von US-Raketen habe einen großen Unterschied gemacht.

Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Ankunft der ukrainischen Truppen in Cherson sprächen für sich, sagte Selenskyj. "Ihre Reaktionen sind nicht gestellt", betonte er. Seit Freitag begrüßen die Menschen in der Stadt die einrückenden ukrainischen Soldaten teils frenetisch.

Dunkelgrün: Vormarsch der russischen Armee. Schraffiert: von Russland annektierte Gebiete.  | ISW/13.11.2022

Dunkelgrün: Vormarsch der russischen Armee. Schraffiert: Von Russland annektierte Gebiete. Bild: ISW/13.11.2022

Lebensmittel und Medikamente fehlen

Selenskyj war bereits in anderen Frontgebieten unerwartet aufgetaucht, um die Soldaten zu unterstützen und ihnen zu ihren Erfolgen im Gefecht zu gratulieren.

Unter dem Druck erfolgreicher ukrainischer Gegenoffensiven war die russische Armee am vergangenen Freitag komplett vom rechten Ufer des Flusses Dnjepr abgezogen. Dabei gab sie auch die einzige seit Kriegsbeginn Ende Februar eroberte Gebietshauptstadt auf.

Ukrainischen Angaben nach sind noch etwa 80.000 von ehemals rund 280.000 Menschen in der Stadt geblieben. Es fehlen Lebensmittel und Medikamente, die Menschen müssen ohne Strom und fließendes Wasser überleben. Das russische Militär kontrolliert weiterhin rund 70 Prozent der Region Cherson am linken Ufer des Dnipros.

Russland erhebt weiter Anspruch auf Cherson

Kremlsprecher Dmitri Peskow kommentierte den Besuch zwar nicht direkt, bezeichnete Cherson aber als russisches Staatsgebiet. Cherson ist eine von vier ukrainischen Regionen, die die Regierung in Moskau völkerrechtswidrig annektiert und zum Teil des Staatsgebiets der Russischen Föderation erklärt hat.

Für Russland ist der Rückzug eine herbe Niederlage. Cherson war die einzige Regionalhauptstadt, die die russischen Truppen erobert hatten. Von dort hätte die russische Armee eine Offensive in Richtung Mykolajiw und zum Schwarzmeerhafen Odessa umsetzen können.

Kiew entzieht Journalisten Akkreditierung

Währenddessen hat das ukrainische Militär nach eigenen Angaben mehreren westlichen Journalisten nach ihrer Berichterstattung aus dem Gebiet Cherson die Akkreditierung entzogen. "In jüngster Zeit haben einige Medienvertreter die bestehenden Verbote und Warnungen ignoriert und ohne Zustimmung der Kommandeure und zuständigen PR-Abteilungen des Militärs ihre Berichterstattung aus Cherson aufgenommen, noch bevor die Stabilisierungsmaßnahmen abgeschlossen waren", begründete der Generalstab per Facebook die Maßnahme.

Aus dem Eintrag geht nicht hervor, welche Journalisten betroffen sind. Nach Medienberichten sollen mindestens sechs Korrespondenten der Fernsehsender CNN und Sky News ihre Akkreditierung verloren haben. Dem ukrainischen Medienportal Detector.media zufolge wurde zudem zwei Journalisten des ukrainischen Internetsenders Hromadske die Akkreditierung des Militärs wegen einer Reportage aus Cherson entzogen.