Das Wrack einer abgestürzten Gondel liegt unter einer Plane.

Drei Festnahmen in Norditalien Gondel-Notbremse wurde deaktiviert

Stand: 26.05.2021 13:12 Uhr

Nach dem Corona-Lockdown wollten die Betreiber offenbar einen längeren Ausfall der Seilbahn am Monte Mottarone vermeiden. Klar ist: Das Notbremssystem wurde deaktiviert - und das machte die Katastrophe erst möglich.

Von Lisa Weiß, ARD-Studio Rom

Es war eine lange Nacht für die Ermittler und für Olimpia Bossi, die zuständige Staatsanwältin. Erst am frühen Morgen trat sie mit ernstem Blick vor die Presse - und mit großen Neuigkeiten. Drei Männer seien festgenommen worden, im Zusammenhang mit dem Seilbahnunglück.

Lisa Weiß

Nach Polizeiangaben handelt es sich um den Chef der Seilbahngesellschaft und zwei seiner Mitarbeiter. Der Vorwurf: Bewusste Manipulation an den Notbremsen der Gondel. Seitdem die Seilbahn wieder in Betrieb war - also seit rund einem Monat - soll die Gondel immer mal wieder plötzlich stehen geblieben sein. Es habe Versuche gegeben, das Problem zu beseitigen - ohne Erfolg, so Staatsanwältin Bossi.

"Es hätte einen größeren Eingriff gebraucht"

"Das System hat offensichtlich nicht normal funktioniert und es hätte einen größeren Eingriff gebraucht. Wahrscheinlich hätte die Seilbahn für lange oder wenigstens beträchtliche Zeit außer Betrieb genommen werden müssen", sagt Bossi. Und das nach dem langen Corona-Lockdown mit den entsprechenden Verdienstausfällen. Gerade jetzt im Frühling, wo man auf gutes Wetter und viele Besucher hoffen kann.

Die Betreibergesellschaft suchte offenbar eine andere Lösung. Und hier kommt die "Forchettone" ins Spiel. Wörtlich übersetzt heißt diese Vorrichtung "große Gabel". Es sei auch wirklich eine Art Metallgabel, erklärt Carabinieri-Kommandeur Alberto Cicognani. Eine, die das Notbremssystem außer Kraft setzt.

"Sie wird nachts angebracht oder überhaupt, wenn die Seilbahn nicht in Betrieb ist. Denn wenn sich die Kabine währenddessen aus irgendeinem Grund bewegen sollte und dann das Notbremssystem in Betrieb ist, könnte man sie nicht zum Ausgangspunkt zurückbringen", sagt Cicognan.

"Aus unserer Sicht mit Zustimmung des Betreibers"

Im Normalbetrieb fällt es nicht auf, wenn sich Metallgabeln in den Bremsen befinden, auch wenn das aus Sicherheitsgründen strikt verboten ist. Und: die Metallgabeln können in vielen Fällen verhindern, dass eine Gondel immer mal wieder plötzlich stehen bleibt.

"Um das Problem zu beseitigen, haben die Techniker aus unserer Sicht mit Wissen und Zustimmung des Betreibers, der verantwortlich für die Anlage war, diese Metallgabel nicht von der Kabine entfernt. Und als dann das Zugseil gerissen ist, konnte das Notbremssystem nicht funktionieren", sagt Staatsanwältin Bossi.

Mit schlimmen Folgen: Die Gondel rauschte am Tragseil ungebremst nach unten, wurde wohl so schnell, dass sie von diesem zweiten Seil sprang und in die Tiefe stürzte. Stundenlang hatten die Ermittler die Verdächtigen verhört, mittlerweile sei zugegeben worden, dass die Gondel am Unglückstag mit der Metallgabel unterwegs war, so Carabinieri-Kommandeur Cicognani. Und zwar nicht zum ersten Mal - seit Längerem sei die Gondel mit Passagieren und deaktivierter Notbremse auf und ab gefahren. Doch ein Rätsel bleibt noch: Wie konnte das Zugseil reißen?

Weiter unklar, warum das Kabel riss

"Es gibt keine neuen Entwicklungen. Wir wissen nicht, warum das Kabel gerissen ist. Wir wissen momentan nicht, ob es an der Betriebsstörung lag oder an etwas anderem. Aber durch den Kabelriss alleine hätte es nicht so viele Opfer gegeben", sagt Cicognani.

14 Menschen starben bei dem Seilbahnunglück am Monte Mottarone. Nur ein kleiner Junge aus Israel hat den Absturz überlebt und wurde in kritischem Zustand ins Krankenhaus gebracht. Er wird mittlerweile langsam aus dem künstlichen Koma geholt. Die ersten Reaktionen des Kindes geben Anlass zur Hoffnung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Mai 2021 um 12:00 Uhr.