Polizisten und Bewohner des Ortes Stresa gedenken schweigend der Opfer des Seilbahnunglücks. | EPA

Gedenken nach Seilbahn-Absturz 14 Minuten Schweigen in Stresa

Stand: 24.05.2021 18:05 Uhr

Nach dem Seilbahnunglück in Italien sind noch immer viele Fragen offen. Unklar ist, warum das Sicherheitssystem versagte. In Stresa schwiegen die Menschen heute 14 Minuten lang - eine Minute für jedes Todesopfer.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

14 Minuten Schweigen. Eine Minute für jedes Opfer. In Stille haben die Einwohner und Touristen in Stresa am Mittag der Menschen gedacht, die am Sonntag beim Seilbahnabsturz unweit des Lago Maggiore ums Leben kommen sind.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Im Regen auf dem zentralen Platz des Ausflugsortes hat sich Joel Kaiser aus Kanada an den Gedenkminuten beteiligt. Er wollte mit seiner Familie ein paar unbeschwerte Tage in Stresa und auf dem Mottarone-Berg verbringen.

"Wir sind natürlich geschockt und traurig angesichts dieser Nachrichten", sagt er. "Wir waren am Donnerstag auf dem Berg. Es war ein wunderschöner Tag, mit vielen Familien da oben. Wie alle hier, denke ich, versuchen wir heute zu verarbeiten, was da gestern passiert ist, wie es passiert ist und warum es passiert ist."

Joel Kaiser mit Ehefrau Domenica Kaiser | Ralph Bemmann/ARD-Studio Rom

Joel Kaiser und Ehefrau Domenica waren erst vor Tagen auf dem Berg, an dem das Unglück geschah. Bild: Ralph Bemmann/ARD-Studio Rom

Augenzeugen berichten vom Unfallhergang

Fragen, auf die es auch am Tag danach noch keine befriedigenden Antworten gibt. Die Ursache des Unglücks ist nach wie vor unklar. Neue Erkenntnisse gibt es zumindest über den Unfallhergang. Bürgermeisterin Marcella Severino erzählt von Augenzeugen, die den Ablauf des Unglücks beobachtet haben.

Sie haben gesehen, dass die Seilbahn quasi an der Bergstation angekommen war. Und plötzlich hat sie sich wieder zurück Richtung See bewegt, ist sofort rasend schnell geworden. Möglicherweise aufgrund der hohen Geschwindigkeit ist die Gondel dann bei einem Stützpfeiler aus der Bahn geraten.

Die Kabine streifte den Stützpfeiler, stürzte rund 20 Meter in die Tiefe, überschlug sich auf dem Weg Richtung Tal mehrfach und kam dann schwer beschädigt an einem Baum zum Halt.

Fünfjähriger liegt auf Intensivstation

13 der insgesamt 15 Passagiere waren auf der Stelle tot. Von den beiden Kindern, die zunächst überlebt hatten, ist eines mittlerweile verstorben. Ein fünf Jahre alter Junge, der mit seinen aus Israel stammenden Eltern in der Gondel unterwegs war, liegt derzeit auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Turin.

Nach Aussagen von Ermittlern war ein Auslöser des Unglücks offensichtlich, dass sich kurz vor der Ankunft der Gondel an der Bergstation das Zugseil gelöst hat beziehungsweise gerissen ist. Aber, räumt Carabinieri-Kommandeur Giorgio Santacroce ein, bei der Suche nach den Ursachen gebe es immer noch viele offene Fragen: "Die Halteseile sind nach wie vor noch intakt. Daher ist die Frage, warum sich die Gondel abgelöst hat." Theoretisch, sagt er, hätte ein Sicherheitssystem greifen müssen.

Denn jede moderne Seilbahn dieser Bauart besitzt zumindest eine doppelte Absicherung. Zwei Seile, das Zug- und das Halteseil, sowie ein Bremssystem, das automatisch aktiv werden müsste, wenn es Probleme mit den Seilen gibt. Dass es zwei technische Versagen gleichzeitig gibt, ist ungewöhnlich - eine Tatsache, die die Ermittler bislang vor Rätsel stellt.

Letzte Routineuntersuchung vor sechs Monaten

Vor allem, weil die Seilbahn offensichtlich vorschriftsgemäß gewartet wurde. Erst vor sechs Monaten hatte die letzte Routineuntersuchung stattgefunden. Auch bei einer Art Röntgen-Prüfung der Seile sollen keine Probleme festgestellt worden sein.

Die Seilbahn verbindet den Ort Stresa mit dem Berg Mottarone und ist während der Fahrt für eine großartige Aussicht auf den Lago Maggiore bekannt. Die Anlage befindet sich im Besitz der Stadt Stresa und wird von einem privaten Pächter betrieben.

Karte mit der eingezeichneten Seilbahnstrecke

Die Stresa-Mottarone-Seilbahn befördert vornehmlich Touristen vom Ort am Ufer des Sees auf etwa 1400 Meter Höhe.

Am Unglücksort kamen heute auch Mitglieder der Regierung aus Rom mit Vertretern der örtlichen Behörden zusammen. Infrastrukturminister Giovannini kündigte an, eine Regierungskommission einzurichten, die die Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen unterstützen soll. Die Justiz ermittelt wegen fahrlässiger Tötung, bislang gegen Unbekannt. 

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Mai 2021 um 15:00 Uhr.