Passanten vor einem Kaufhaus in der Bahnhofstraße in Zürich (Schweiz) | REUTERS

Schweiz Stille Stunden im Supermarkt

Stand: 22.12.2021 16:29 Uhr

Einkaufen kann stressig sein. Erst recht für Autisten, auf die Licht, Musik und Durchsagen anders wirken. Supermärkte in der Schweiz antworten darauf mit einer "Stillen Stunde".

Von Joachim Görgen, ARD-Studio Genf

Dienstagnachmittag vor Heiligabend, es ist kurz nach 15 Uhr. Zwei Verkäufer ziehen in einem Zürcher Supermarkt eine gelbe Warnweste an mit dem Aufdruck: "Stille Stunde". Das bedeutet: keine Musik, keine Ladendurchsagen, weniger Licht.

Zwei Bildschirme machen Werbung für den Weihnachtsbraten. Doch jetzt ist Schwarzbild angesagt: Die Verkäufer ziehen für die nächsten zwei Stunden den Stecker. Sie stellen den Beep-Ton beim Scannen an der Kasse leiser. Wo es geht, wird das Licht ausgemacht oder gedimmt. Während der "Stillen Stunde" wird keine Ware auspackt und nicht geputzt. Es soll so ruhig zugehen wie irgendwie möglich.

Pasen und Kunden auf dem weihnachtlich gestimmten Rennweg in Zürich (Schweiz) | REUTERS

Die vielen Lichter zur Weihnachtszeit empfinden viele Menschen als stimmungsvoll. Doch sie können auch eine Reizüberflutung sein. Bild: REUTERS

Was das Einkaufen anstrengend machen kann

Zweimal in der Woche bieten zwölf Filialen der Supermarktkette SPAR "Stille Stunden" zum stressfreien Einkaufen an. Immer dienstags von 15 bis 17 Uhr und donnerstags von 18:30 bis 20 Uhr geht es ruhiger zu als sonst. Sogar jetzt in der Vorweihnachtszeit. Ständiges Musikgedudel, schrille Lautsprecherdurchsagen und grelle Lichteffekte können beim Einkaufen ganz schön nerven.

Der Verein "Autismus deutsche Schweiz" (ads) hatte die Geschäftsleitung von SPAR für dieses Pilotprojekt gewinnen können. Nadja Eich von "ads" beschreibt die besondere Wahrnehmung von Autisten so:

Sie nehmen die Welt anders wahr. Sie haben oft Mühe, Reize wie Lärm, Licht oder Gerüche einzuordnen und zu verarbeiten. Sind sie von zu vielen Reizen umgeben, so kann es zu einer Reizüberflutung und damit zu einem Meltdown kommen, einem unkontrollierten Gefühlsausbruch, oder sogar zu einem Shutdown.

Die vielen Reize in den gängigen Einkaufszeiten, welche anderen Kunden vielleicht gar nicht mehr auffallen, können bei autistischen Menschen am Ende dazu führen, dass es für sie unmöglich wird, selbstständig einkaufen zu gehen.

Kunde in einem Supermarkt | dpa

Schnelligkeit, Hektik - für Autisten macht auch das das Einkaufen mitunter zur Strapaze. Bild: dpa

In Neuseeland erprobt

Die Idee für die "Stille Stunde" stammt ursprünglich aus Neuseeland, von einem Mitarbeiter der "Countdown"-Handelskette, dessen Sohn unter Autismus leidet. Der Junge schrie immer wieder beim Einkaufen, da ihm die Reizüberflutung im Supermarkt sehr zu schaffen machte. Inzwischen bieten 180 Filialen der neuseeländischen Handelskette jeden Mittwoch eine "Stille Stunde" an.

Oft tragen die Betroffenen Kopfhörer, um sich vor den vielen Geräuschen zu schützen. Damit sind sie aber auch von der Außenwelt abgeschnitten. Jetzt, erzählte ein Betroffener Nadja Eich von "ads", brauche er keine Kopfhörer. Er habe sogar die Zeit und Ruhe, neue Produkte anzuschauen.

Für Betroffene eine Erleichterung

Andere Handelsketten wollen sich dem Modell laut "ads" bislang nicht anschließen. Nadja Eichs zieht dennoch schon jetzt eine positive Bilanz: "Manche Eltern können nun stressfreier mit ihrem autistischen Kind einkaufen gehen, und wir wissen von erwachsenen Betroffenen, die zum ersten Mal ohne Begleitung einkaufen können."

Auch Menschen, die nicht von Autismus betroffen sind, finden die "Stillen Stunden" angenehm. Wobei das wenige Licht gewöhnungsbedürftig sei: "Manche haben uns gefragt: 'Habt ihr einen Stromausfall?'", sagt Hansruedi Schnellmann. Er betreibt 14 SPAR-Märkte in der Schweiz. Wie sieht die geschäftliche Bilanz aus? "Es ist ein Nullsummenspiel. Wir machen dadurch weder Gewinn noch Verlust. Aber es ist ein Signal an die Gesellschaft: Jede und jeder kann etwas tun, damit sich Menschen wohler fühlen."