Innenstadt von Unteriberg | ARD-Genf
Reportage

Impfgegner in der Schweiz Das Dorf der Neinsager

Stand: 27.11.2021 11:44 Uhr

Nein zur "Ehe für alle", Nein zu Corona-Maßnahmen und auch die Abstimmung über ein Covid-Zertifikat am Sonntag dürfte klar ausgehen: Im Schweizer Dorf Unteriberg ist man gegen alles, was aus der Hauptstadt Bern kommt. Warum?

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Genf

Die Schulkinder auf der Straße im Dorf Unteriberg im Kanton Schwyz grüßen freundlich. An einem Balkon hängt das große Foto einer Skiläuferin: "Wir gratulieren unserer Weltmeisterin Wendy!" Aber nicht nur die Skirennfahrerin Wendy Holdener ist in Unteriberg gut für Rekorde. Das ganze Dorf ist Schweizer Meister bei der Ablehnung staatlicher Corona-Maßnahmen.

Kathrin Hondl ARD-Studio Genf

Als die Schweizerinnen und Schweizer im Juni zum ersten Mal über das Covid-19-Gesetz der Regierung abstimmten, wurde die Vorlage landesweit angenommen - 60 Prozent waren dafür. In Unteriberg aber stimmten fast 90 Prozent dagegen.

Und es sieht ganz so aus, als ob sie hier auch am Sonntag wieder massiv Nein sagen werden - darauf deuten schon die vielen Plakate an Garagentoren oder Gartenzäunen hin. "Impfzwang für alle?" heißt es da, "extrem und unnötig - Covid-Verschärfung NEIN".

Plakat mit der Aufschrift "Wir gratulieren Wendy" in Unteriberg | ARD-Genf

Mit einem Plakat gratuliert das Dorf seinem Skistar. Bild: ARD-Genf

Von Corona lieber nicht reden

Vor dem Gemeindehaus stehen ein paar Dutzend Leute zusammen und trinken Glühwein - eine Hochzeitsgesellschaft. Über Corona mag da niemand reden, schon gar nicht mit einer deutschen Journalistin. "Wir haben keine Lust - interessiert mich nicht, Corona."

"Der Rudi", ein Mann um die 50, erbarmt sich dann doch und erklärt, warum sie sich in Unteriberg so vehement wehren gegen staatliche Pandemiemaßnahmen.

Grundsätzlich ist das so, weil die Regierung jegliches Vertrauen verspielt hat. Ständig falsche Aussagen, dann wieder Aussagen nicht gehalten. Das geht nicht bei uns in der Innerschweiz. Wir sind schon sonst nicht so obrigkeitsgläubig. Alles, was von Bern kommt, findet man kategorisch erstmal Scheiße. Dann kommt’s halt soweit.
Das Zentrum von Unteriberg  | ARD-Genf

Das Zentrum von Unteriberg. Bild: ARD-Genf

Der Impfbus kommt vergebens

Jüngst hatte die Schweizer Regierung eine "Nationale Impfwoche" organisiert, um die chronisch niedrige Impfquote im Land nach oben zu bringen. Im Kanton Schwyz sind nur 56 Prozent geimpft. Der Impfbus parkte allerdings vergeblich im Zentrum. Gemeindepräsident Edy Marty hatte die Behörden schon vorgewarnt, dass das ohnehin nichts bringe bei seinen Unteribergern.

"Da hab ich denen gesagt, vermutlich bringt das nicht viel. Sie verbrauchen nur Zeit hier hinten. Aber ich meine, wenn nationale Impfbuswoche ist? Ich kann einem Fahrzeug nicht verbieten, nach Unteriberg zu kommen."

Nicht alle glücklich über Neinsager

Gemeindepräsident Marty klingt fast entschuldigend. Denn viele Menschen im Dorf hätten es gerne gehabt wie im 20 Kilometer entfernten Alpthal. Da haben sie den nationalen Impfwochen-Bus erst gar nicht ins Dorf gelassen.

Er selbst sei "genesen und doppelt geimpft", erzählt Marty, bevor es mit Pickup zu einer Rundfahrt durch das weitläufige Dorf geht. Ein letzter Blick auf die Hochzeitsgesellschaft - viele von denen seien Impfgegner, sagt Marty, die gegen den Impfbus protestiert hätten. Richtig glücklich wirkt der parteilose Gemeindepräsident nicht über die Neinsager in dem 2400-Einwohner-Dorf.

"Wenn Sie bei uns sind, nehmen Sie es gar nicht so stark wahr, dass Pandemie herrscht auf der Welt", so Marty. "Die Leute hier sind - ich möchte nicht sagen, liederlich - aber sie nehmen das schon eher auf die leichte Schulter."

Blick auf die Berge von Unteriberg. | ARD-Genf

Ein Blick auf die Umgebung Unteribergs. Bild: ARD-Genf

Keine Erklärung für Anti-Haltung

Aber nicht nur beim Thema Corona, auch sonst stimmen sie hier eigentlich immer mit Nein. Das Dorf ist eine Hochburg der rechten Schweizer Volkspartei. Laut dem "Atlas der politischen Landschaften der Schweiz" ist Unteriberg die konservativste Gemeinde der Schweiz. Als im September die ganze Schweiz Ja sagte zur Einführung der "Ehe für alle" stimmten 70 Prozent in Unteriberg mit Nein.

"Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen", meint Edy Marty. Nach einer Tour durch die schöne Landschaft von Unteriberg geht es noch auf einen Kaffee in der Dorfkneipe. Auch hier scheitern leider die Versuche, Erklärungen zu bekommen, warum die Unteriberger so kategorisch gegen die ohnehin nicht besonders harten Pandemiemaßnahmen der Schweizer Regierung sind.

"Wir sind einfach dagegen", knurrt ein Mann und nimmt einen Schluck Bier. Wahrscheinlich müssten "die in Bern" das Impfen einfach strikt verbieten - um den Unteribergern zu einer höheren Impfquote zu verhelfen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. November 2021 um 08:15 Uhr.