Ein Mann in der Schweiz zeigt eine löchrige Unterhose nach dem Bodentest | dpa

Umweltversuch in der Schweiz Je löchriger, desto gesünder

Stand: 24.04.2021 08:41 Uhr

In den kommenden Tagen landen 2000 blütenreine Bio-Baumwoll-Schlüpfer in der Schweiz unter die Erde. Eine Aktion im Dienst der Wissenschaft: Es geht um die Erforschung der Bodenqualität.

Von Wolfgang Wanner, ARD-Studio Genf 

Naemi Wittwer aus Zürich hat in der einen Hand eine Schaufel, in der anderen zwei Unterhosen. Die beiden Schlüpfer vergräbt sie in ihrem Garten. "Ich möchte wissen, ob der Boden gesund ist", sagt sie. Wittwer ist nicht die einzige, die das interessiert. In den kommenden Tagen werden 2000 Bio-Baumwollunterhosen in der gesamten Schweiz in Wiesen, Beeten und Feldern vergraben.  

Wolfgang Wanner ARD-Studio Genf

"Beweisstück Unterhose" heißt das Wissenschaftsprojekt der schweizerischen landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope und der Universität Zürich. "Wir wollen zusammen mit der Bevölkerung herausfinden, wie es dem Bodenleben in der Schweiz geht und wie gesund die Böden sind", erklärt Projektleiter Franz Bender von Agroscope. Dafür nutzen die Forscher eine ungewöhnliche Messmethode. "Baumwollunterhosen bestehen zum größten Teil aus Cellulose - und das wird von den Bodenlebewesen abgebaut", erläutert Bender. Je löchriger die Unterhose, um so gesünder der Boden. 

Standardisierte Teebeutel

Witter und die anderen freiwilligen Teilnehmenden dürfen allerdings nicht ihre eigenen Schlüpfer vergraben. Sie alle bekommen ein Paket mit zwei Standard-Bio-Baumwollunterhosen zugeschickt. Denn jede Unterhose sei anders, erläutert Bender. Um wissenschaftliche Aussagen zu erhalten, sei es wichtig, dass alle die gleichen Unterhosen vergraben.

Nach einem beziehungsweise zwei Monaten sollen die Unterhosen wieder ausgegraben werden. Die Teilnehmenden schicken Fotos der durchlöcherten Unterhose zusammen mit Bodenproben an die Forschungsanstalt zurück. Außerdem sollen zum Vergleich standardisierte Teebeutel vergraben werden, um die Zuverlässigkeit der Unterhosen-Methode zu testen. 

Links und rechts neben einer Schaufel liegen eine neue und eine löchrige Unterhose - sie zeigen das Ergebnis des Bodenversuchs | dpa

Vorher und nachher: Was der Boden von der zuvor funktionsfähigen Unterhose übrig lässt, gibt Aufschluss über seinen Zustand. Bild: dpa

Wie gesund ist der Boden? 

Für die Forscher ist jede vergrabene Unterhose ein wichtiges Puzzleteil. Aus den Daten wollen die Wissenschaftler herausfinden, wo es ein aktives Bodenleben gibt, woran das liegt, und wie man Bodenleben am besten schützen kann. Denn Böden seien eine der wichtigsten Ressourcen, meint Bender: "Sie produzieren unsere Nahrung, filtern Wasser und gehören zu den wichtigsten Kohlenstoffspeichern. Außerdem leben rund ein Viertel der Arten im Boden."  

Mit der Unterhosen-Aktion wollen die Forscher auch auf die Gefährdung der Böden aufmerksam machen. Weltweit sind Böden zum Beispiel durch Erosion, Verwüstung oder Einsatz von Chemikalien in Gefahr. Laut Agroscope wird weltweit jedes Jahr eine Fläche zweieinhalb Mal so groß wie die Schweiz so stark zerstört, dass sie für die Landwirtschaft unbrauchbar wird.  

Für Naemi Wittwer hat das Projekt noch einen positiven Nebeneffekt. Auf diese Weise lernen ihre Kinder auf sehr anschauliche Weise, dass im Boden auch Leben steckt.