Ein Mann läuft an einem Wahlplakat in Stockholm vorbei, auf dem der konservative Spitzenkandidat Ulf Kristersson für sich wirbt. | AFP

Reaktionen auf Wahl in Schweden Keine wirkliche Überraschung

Stand: 16.09.2022 08:23 Uhr

Schweden steht vor einem politischen Richtungswechsel: von links zu konservativ-rechts. Gut finden das auf den Straßen von Stockholm bei Weitem nicht alle - erwartet haben den Wandel aber trotzdem viele.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Es ist Nachmittag in Stockholm, ein früher Herbsttag - und vieles ist plötzlich anders: Magdalena Andersson von den Sozialdemokraten ist als Ministerpräsidentin zurückgetreten, führt nun eine Übergangsregierung. Der rechte Block hat die Mehrheit im Parlament und zum ersten Mal scheinen die rechtspopulistischen Schwedendemokraten eine Rolle in einer neuen Regierung zu übernehmen.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Henrik Rober ist Rentner und der Wahltag war für ihn eine Zäsur. Das "politische Bild" habe sich geändert, sagt er ehemalige Zahnarzt: "Ab jetzt sind die Schwedendemokraten eine akzeptierte Partei, auch wenn die Sozialdemokraten sagen, dass sie niemals mit ihnen zusammenarbeiten werden. Vor fünf Jahren konnte man bestimmte Dinge nicht sagen, ohne dass man als Politiker dafür geköpft wurde. Heute sind die gleichen Aussagen nicht mehr negativ besetzt."

Populismus nicht mehr nur Sache der Rechtspopulisten

Was er damit meint: Dass auch Sozialdemokraten davon sprechen, dass es keine Viertel wie ein "Somalitown" in Schweden geben darf. Dass die konservativen Moderaten laut Abschiebungen fordern für Kriminelle mit Migrationshintergrund. Populistische Äußerungen sind nicht nur eine Sache der Rechtspopulisten. Das findet auch Pirjo Auvinen. Sie ist eine finnische Journalistin und ist gerade mal wieder nach Schweden gezogen:

Ich bin sehr verwundert darüber, wie sich Schweden verändert hat - und zwar nicht zum Besseren. Der ganze Wahlkampf war meiner Meinung nach rassistisch und ich bin sehr erstaunt, dass die Schwedendemokraten die Agenda gesetzt haben und die Sozialdemokraten da mitgegangen sind.

Der Ruck nach rechts - "ein europaweiter Trend"

Der Stockholmer Magnus Eriksson zuckt da eher mit den Schultern. Rechtspopulismus - das sei doch ein europaweiter Trend, glaubt er, und kein schwedisches Phänomen. "Ich glaube, Schweden wird sich in die gleiche Richtung bewegen wie viele andere Staaten in Europa. Genau wie in Polen, Ungarn und anderen Ländern wird man mehr Nationalismus in Schweden sehen", sagt Eriksson. In Dänemark habe dieser Trend schon früher begonnen. Es sei also "eine natürliche Entwicklung", so Eriksonn, "auch wenn Schweden bisher dagegengehalten hat".

"Die Menschen suchen Antworten""

Der Unterschied zu den anderen genannten EU-Staaten ist jedoch, dass sie nicht das gleiche positive Image im Ausland besitzen wie Schweden. In Deutschland gibt es für diese euphorische Idealisierung des Landes ein Wort: Das Bullerbü-Syndrom. Es beschreibt die Sehnsucht nach der idealen Gesellschaft.

Die Rentnerin Rocki Rober bezweifelt, dass Schwedens gutes Image unter der neuen politischen Lage leiden wird: "Ich glaube nicht, dass sich so viel am Bild Schwedens ändern wird. Extreme Kräfte gibt es überall, und die Welt steht auf dem Kopf. Die Menschen suchen Antworten. Viele haben es schwer und sie wollen jetzt eine Lösung."

Und dann vergleicht sie die Schwedendemokraten noch mit dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump: Auch er habe den Leuten zugehört. Vor allem auch auf dem Land - genau wie die Schwedendemokraten. Andere Parteien würden das nicht machen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. September 2022 um 06:35 Uhr.