Der Chef der rechtspopulistischen Schwedendemokraten Jimmie Åkesson | dpa

Wahlkrimi in Schweden Nur ein Sieger steht fest

Stand: 12.09.2022 06:58 Uhr

Erst sah es in Schweden nach einem Sieg des Linksbündnisses aus, dann lag das bürgerliche Lager vorn. Nun heißt es, warten bis Mittwoch. Klar ist nur, dass die Rechtspopulisten eine wichtige Rolle spielen.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Schweden erlebt einen Wahlthriller und eine Achterbahn der Gefühle: Zunächst gab es großen Jubel bei den Parteien des Linksbündnisses. Drei Stunden später plötzlich lauter Jubel beim anderen Lager: den bürgerlichen Parteien. Ein sicheres Wahlergebnis wird jedoch erst am Mittwoch erwartet, wenn auch die Stimmen aus dem Ausland und die restlichen Vorabstimmen ausgewertet sind - so knapp ist der Abstand zwischen den Lagern.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

"Wir brauchen Geduld", so die derzeit amtierende Ministerpräsidentin Magdalena Andersson von den Sozialdemokraten, die mit rund 30 Prozent die meisten Stimmen bekamen: "Der größte Sieger heute ist nicht eine Partei oder ein Kandidat. Der Wahltag ist ein Sieg für die schwedische Demokratie", sagte sie.

Ich verstehe, dass alle das Ergebnis kennen wollen, ich auch. Aber nun muss unsere demokratische Maschinerie gewissenhaft arbeiten.

Schwedendemokraten: "Wir wollen in einer Regierung sitzen"

Dass die Sozialdemokraten die meisten Stimmen erhielten, sorgt nicht für Jubel in der Partei.

Anders bei den rechtspopulistischen Schwedendemokraten. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden sie zweitstärkste Kraft. Jede und jeder fünfte hat für die Schwedendemokraten gestimmt. Noch nie lagen die Rechtspopulisten vor den konservativen Moderaten.

Ihr Parteivorsitzender Jimmie Åkesson kündigte schon mal an, dass die Schwedendemokraten hart verhandeln werden. "Wir sind von der kleinen Partei, über die alle gelacht haben, die zweitgrößte Partei geworden. Wenn wir einen Machtwechsel haben, werden wir eine zentrale Position einnehmen. Wir wollen in einer Regierung sitzen." 

Migrationspolitik war Wahlkampfthema

Eine Zusammenarbeit mit den Schwedendemokraten haben die bürgerlichen Parteien erstmals nicht ausgeschlossen, eine Regierungsbeteiligung allerdings schon. Mats Knutson, politischer Kommentator beim Sender SVT, blickt gespannt auf die kommenden Verhandlungen. "Dieses Wahlresultat stärkt Åkesson. Es sind die Schwedendemokraten, die dieses Ergebnis möglich gemacht haben. Die Moderaten, die Christdemokraten und die Liberalen haben Verluste eingefahren, die Schwedendemokraten hingegen gewonnen. Sie werden selbstbewusst in die Verhandlungen gehen."

Neben Themen wie den hohen Energiepreisen, dem Zustand des Gesundheitssystems und der Situation an Schulen war auch die Kriminalität ein wichtiges Thema im Wahlkampf. Kriminelle Banden breiten sich im Land aus, seit Jahren steigt die Zahl der Menschen, die mit Schusswaffen getötet werden.

Journalist Pontus Mattsson von Sveriges Radio ist sich sicher: Das Rekordergebnis der rechtspopulistischen Schwedendemokraten hängt damit eng zusammen: "Viele Kriminelle haben einen Migrationshintergrund. Das haben die Schwedendemokraten von Anfang an zum Thema gemacht und nun sprechen alle darüber. Fast alle Parteien sehen einen Zusammenhang mit einer missglückten Integrationspolitik. Auch die Sozialdemokraten, die sich am längsten gegen diese Denkweise gewehrt haben."

 Lange Verhandlungen erwartet

Laut der schwedischen Wahlbehörde wird das vorläufige Endergebnis erst am Mittwoch zu erwarten sein. Und egal wie es ausgeht: Es werden komplizierte und lange Verhandlungen zwischen den Parteien im Parlament folgen - mit einer schnellen Regierungsbildung rechnet niemand in Schweden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. September 2022 um 08:00 Uhr.